Heute ist Mittwoch der 28.02.2018 und es gab die insgesamt 3. Spritze Bleomycin. Damit ist die Chemogabe des 1. Zyklus abgeschlossen. Ich habe alles aufgenommen und die giftigen Heilmitteln sollen ihre Wirkung entfalten und die Verräterzellen zerstören.

Gleichzeitig haben wir heute etwas festgestellt, was wohl zu fast jeder Chemotherapie gehört: Meine Leukozyten sind abgeschmiert und liegen bei etwa 1.000/µl im Blut. Der Normalwert liegt zwischen 4.000/µl und 10.000/µl. Eine zu niedrige Anzahl an Leukozyten nennt man Leukopenie.

Was bedeuten niedrige Leukozyten in der Chemo?

Zunächst einmal ist wichtig zu verstehen, was Leukozyten sind und wieso ein niedriger Wert nicht gut ist.

Leukozyten ist der Fachbegriff für weiße Blutkörperchen. Sie sind die körpereigene Gesundheitspolizei. Die Leukozyten bilden das Immunsystem und kämpfen gegen jede Art von Eindringling. Das heißt, je weniger weiße Blutkörperchen desto leichter können sich Bakterien und Keime ausbreiten und einen Infekt verursachen.

Ein Beispiel aus meiner eigenen Chemo-Erfahrung:

In der Praxis bedeutet das, dass ich bei dem ersten Signal einer Infektion ins Krankenhaus muss. Ein wichtiger Indikator ist beginnendes Fieber. Bei 38 Grad soll ich sofort zur Rettungsstelle. Die Ärzte geben mir dann vorsorglich ein Antibiotika. Zusätzlich soll ich morgen früh ins Krankenhaus, damit noch einmal die Blutwerte überprüft werden. Falls der Wert so niedrig bleibt, könnten sie mir Aufbaupräparate für die Leukozyten (= Immunstimulanzien) verabreichen oder ich werde sogar stationär überwacht.

Was wird bei niedrigen Leukozyten gemacht?

Wird ein gewisser Grenzwert an niedrigen Leukozyten unterschritten, heißt es handelt. Dieser Wert liegt bei 1.000/µl weißen Blutkörperchen im Blut.

Zu diesen Immunstimulanzien gehören Filgrastim. Es wird bei der Abnahme der neutrophilen Granulozyten gegeben. Diese weißen Blutkörperchen sind spezialisiert auf die Abwehr von Mikroben und Bakterien. Ein anderes Mittel ist Neupogen, welches ebenfalls Granulozyten-koloniestimulierende Wirkung einhält. Beide Mittel können aber grippeähnliche Symptome und starke Knochenschmerzen als Nebenwirkung aufweisen. Die Knochenschmerzen entstehen, weil das Knochenmarkt angeregt wird, noch mehr Leukozyten zu bilden.

Übrigens fallen bei meiner Chemotherapie (BEP Schema) die Leukozyten in der Regel am stärksten an den Tagen 15-18 nach der ersten Gabe. Der Körper ist in diesem Zeitraum anfälliger für Keime und es besteht die größte Ansteckungsgefahr. Ich bin also gerade in der kritischsten Phase.

Zusätzlich wirkt die 3. Spritze Bleomycin, die aus sich heraus ebenfalls leichte Nebenwirkungen erzeugen kann. Bisher fühle ich mich einfach ein wenig schwach, aber warten wir mal die Nacht ab. Eigentlich ist eine Chemo nichts anderes als ein krasser Stresstest für den Körper.

Man bringt ihn an den Rand der Abwehrkräfte und schaut, ob er durchhält. Toll. Aber natürlich wird er durchhalten!

Tipp: Ihr solltet unbedingt immer die Hände waschen und auch ein Desinfektionsspray dabei haben. Ich benutze dieses Spray regelmäßig, weil viele Bakterien über die Hände weitergegeben werden. Versucht auch euch nicht zu oft an den Mund zu fassen oder tragt einen Mundschutz. Dieser hilft nicht direkt, aber vermeidet Kontakt von Händen und den Schleimhäuten am Mund.

Die mentalen Folgen einer Leukopenie

Dieser ganze Prozess wirkt auch mental. Es ist nicht gerade beruhigend in der Grippehauptsaison ein superschwache Immunsystem zu haben. Das erzeugt Angst. Immerhin kenne ich mich damit aus, weil ich Hypochonder bin (offiziell…).

Ich sitze da, höre in meinen Körper rein und fühle mich wie ein rohes Ei. Während die Chemo die Chancen erhöht, eine Thrombose, Lungenentzündung, Infektion, Atemnot etc. zu bekommen.

Zusätzlich gibt es noch die normalen Chemotherapie Nebenwirkungen, die allerdings nicht so gefährlich sind.

Warum ich meine Bedenken hier andeute? Ich werde mich in einem zukünftigen Beitrag mit dem Thema Angst genauer beschäftigen. Die Angst ist eine Folge der Behandlung und ich weiß, dass in der Regel nicht so oft darüber gesprochen wird. Angst ist auch kein schönes Thema, gehört aber zum Leben dazu.

Update: Wann steigen die Leukozyten nach der Chemo?

Viele Fragen sich nach der Chemotherapie, wieso die Leukozyten nicht gleich wieder steigen oder wie lange es dauert, bis sie im Normalbereich sind. Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht, weil es immer auf die Art der Chemo und die Person ankommt.

Grundsätzlich kehren bei den meisten die Blutwerte langfristig wieder in den Normalzustand zurück. Allerdings dauert das eine Weile, weil das Knochenmark, der Ort der Blutbildung, sich regenerieren muss. Ich hatte in den drei Woche nach der Chemotherapie immer noch sehr wenig weiße Blutkörperchen (zwischen 1,2 und 2,6) und musste sogar nach der Chemotherapie täglich ins Krankenhaus, um diese Werte zu überwachen. Dabei habe ich auch eine Spritze bekommen, um die Blutbildung anzuregen. Bei mir hat es von Mai bis August 2018 gedauert, bis die Werte wieder knapp am Normbereich (etwa 4) lagen.

Ein Jahr nach der Chemotherapie liegen meine Leukozyten immer noch knapp unter dem Normbereich (zwischen 3,6 und 4). Ich werde aber trotzdem selten krank und diese Anzahl reicht anscheinend als Immunsystem für mich aus.

Es wird haarig!

Abschließend kommen wir zu den „witzigeren“ Themen: Haarausfall bei Chemo. Wobei gerade bei Frauen dieser Vorgang oft nicht witzig ist und sehr stark an die Psyche geht.

Ich hatte aber schon vorher recht kurze Haare und schaue dem eher gelassen entgegen. Gestern lag ich im Bett und habe mir beim Denken an den Kopf gefasst. Die Gedanken waren nicht sehr produktiv, allerdings habe ich dabei gemerkt, dass ich ein paar Haare in der Hand hatte. Natürlich habe ich nochmal gezogen und es waren schon ein paar mehr.

Noch war der Haarverlust nicht dramatisch, aber es bahnt sich die äußerlich wohl markanteste Nebenwirkung an: die CHEMOGLATZE! Ich vermute in den nächsten Tagen wird es soweit sein. Daher habe ich gestern vorgesorgt und meinen Schnitt auf 6 mm angepasst.

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