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Dieser Eintrag fällt mir nicht leicht, weil ich das Thema lange ausgeklammert habe. Es geht um eine indirekte Nebenwirkung meiner Hodenkrebserkrankung: Testosteronmagel und Erektionsstörungen. Doch zunächst will ich auf das Thema Hodenkrebs und Testosteron eingehen.

Hoden und die Testosteronproduktion

Testosteron ist ein Sexualhormon und kommt bei beiden Geschlechtern vor. Allerdings ist die Konzentration beim Mann deutlich stärker. Daher wird es oft als „männliches Geschlechtshormon“ bezeichnet. Bei Männern produzieren die Leydigschen Zwischenzellen im Hoden den größten Teil des Testosterons. Ein kleiner Teil des Testosterons wird in der Nebennierenrinde gebildet.

Das Testosteron hilft bei der Ausprägung männlicher Merkmale (Bartwuchs, Penis, Hodensack etc.), sorgt für Muskelaufbau und die Spermienproduktion. Außerdem fördert ein hoher Testosteronspiegel die Libido (= Sexualtrieb), verstärkt den generellen Antrieb und begünstigt aggressives Verhalten.

Testosteron wird sogar als Dopingmittel für Bodybuilder und Ausdauersportler verwendet. In diesen Gruppen wird es meist überdosiert.

Hodenkrebs und Testosteronmangel

Testosteronmangel (Hypogonadismus genannt) wird begünstigt durch bestimmte Erkrankungen, durch ein höheres Alter oder durch eine Störung der Testosteronproduktion. Die letzte Variante (primäre Hypogonadismus) kommt bei Hodenkrebs und der Entfernung des Hodens vor. Die Chemotherapie kann das Problem verschärfen.

Der Mangel wird bei vielen Hodenkrebspatienten nach einer kurzen Zeit durch den zweiten Hoden komplett ausgeglichen. Daher ist Testosteronmangel bei Hodentumoren keine zwangsläufige Langzeitfolge. Die Erfahrungen im Krebskompass-Forum zeigen, dass sich bei den meisten der Hormonspiegel nach Hodenentfernung und Chemotherapie wieder normalisieren.

Mein Fall liegt ein wenig anders. Ich hatte schon vor meiner Hodenkrebserkrankung nur einen funktionierenden Hoden. Leider weiß ich nicht, wie meine Testosteronwerte vorher aussahen. Die behandelnden Urologen hatten zumindest nie einen Mangel erwähnt.

Nach meiner Behandlung hatte ich bei Kontrolluntersuchungen festgestellt, dass mein Testosteronwert immer am unteren Grenzwert lag. Der Wert aus der letzten Messung vom November liegt bei: 11.52(-)nmol/l  (Grenzwerte: 12.1 – 37.1). Der Wert liegt nicht tief genug, damit die Ärzte eine Substitution empfehlen oder sogar bezahlen.

Die Folgen von Testosteronmangel

Ich habe ein paar Symptome von Testosteronmangel gesammelt. Allerdings war mir nicht klar, ab wann von einem Testosteronmangel gesprochen wird. Vermutlich ist dies der Fall, wenn der Grenzwert (12.1 – 37.1) dauerhaft unterschritten ist.

Update: Ich habe doch noch eine Definition gefunden. Das Ärzteblatt schreibt, dass Werte unter 8 nmol/l als pathologisch (= krankhaft) anzusehen sind.

Zusätzlich steht im Urologielehrbuch, dass „frühe Symptome des Hypogonadismus sind die Abnahme der Libido und Störungen von Antrieb und Motivation, welche bereits im unteren Normbereich der Testosteronkonzentration auftreten können“. Das heißt, ein niedriger Wert kann bestimmte Symptome fördern.

  • Kleine Hoden
  • Männliche Infertilität (Zeugungsunfähigkeit)
  • Verminderte Körperbehaarung
  • Gynäkomastie (Vergrößerung der männlichen Brustdrüse)
  • Abnahme der fettfreien Körpermasse und Muskelstärke
  • Viszerale Fettleibigkeit (Zunahme des Bauchfetts)
  • Rückgang der Knochenmineraldichte (Osteoporose)
  • Verminderte sexuelle Lust und sexuelle Aktivität
  • Erektile Dysfunktion
  • Abnahme nächtlicher Erektionen
  • Hitzewallungen
  • Stimmungsschwankungen, Erschöpfung und Aggressivität
  • Schlafstörungen
  • Metabolisches Syndrom
  • Insulinresistenz und Diabetes mellitus Typ 2
  • Verminderte kognitive Funktion

Eine Übersichtliche Grafik habe ich hier gefunden:

Symptome bei Testosteronmangel

Symptome bei Testosteronmangel

Wie geht es mir?

Ich selbst leide unter Müdigkeit, Zunahme des Bauchfetts (wobei das ebenfalls an zu wenig Sport und der Ernährung liegt, ich möchte mich nicht rausreden), leichte Vergrößerung der Brust und Erektiler Dysfunktion. Meine „Morgenlatte“ ist nicht mehr so oft vorhanden bzw. schwächer. Außerdem gibt es Phasen, in denen mein Penis nicht so lange und hart steht bzw. schwächelt. Er ist nicht völlig außer Gefecht gesetzt. Trotzdem belastet mich das.

Viele der oben genannten Nebenwirkungen treffen bei mir allerdings nicht zu. Ich vermute, dass mein Testosteronmangel nicht sehr ausgeprägt ist und ich einfach einen natürlich schwachen Testo-Haushalt besitze.

Obwohl die Werte nicht krankhaft sind, merke ich eine psychologischen Faktor. Aber dazu unten mehr.

Präparate zum Testosteronersatz

Was kann man(n) bei Testosteronmangel tun? Ich möchte keine ausführliche Beschreibung aufzählen, sondern nur die wichtigsten Aspekte anschneiden:

  • Ernährung: Die Ernährung spielt eine Rolle bei der Produktion des Testosterons. Ich bin allerdings kein Ernährungsexperte und habe keine nicht-kommerziellen Links zu dem Thema gefunden. Daher möchte ich keine Tipps geben.
  • Übergewicht und Fettleibigkeit fördern die Östrogenproduktion und reduzieren das Testosteron. Daher ist ein niedriger Körperfettanteil günstig.
  • Reduktion von negativen Faktoren: Alkohol- und Nikotinkonsum erschweren die Testosteronproduktion im Hoden.
  • Stress und Schlafmangel reduzieren

Zusätzlich kann Testosteron als reines Präparat gegeben und somit substituiert werden. Hodenkrebspatienten ohne Hoden müssen dies sogar tun. Die Krankenkasse zahlt dies allerdings erst, wenn der Wert pathologisch (unter 8) liegt. Das Zeug findet sich ebenfalls auf dem Schwarzmarkt, weil die Nachfrage für Bodybuilder hoch ist.

Mein Arzt hat mir ebenfalls eine Flasche Testogel verschrieben. Ich habe diese noch nicht regelmäßig genommen. Daher kann ich noch nichts über die Wirkung sagen. Die Präparate könnt ihr:

  • spritzen (alle 6-10 Wochen)
  • als Gel auftragen (das habe ich und müsste es täglich nehmen)
  • als Tablette nehmen (dreimal täglich). Hier ist der Nachteil, dass die Wirkung eine sehr kurze Halbwertszeit hat und sich nicht viel neues Testosteron ansammelt

Hodenkrebs und Erektionsprobleme

Zu letzte möchte ich noch auf meine Erfahrungen eingehen. Ich selbst hatte schon vor dem Hodenkrebs nur einen aktiven Hoden und vermutlich niedrige Testosteronwerte. Daher hatte ich schon früher mit Erektionsstörungen zu kämpfen.

Was heißt das? Beim Sex steht er nicht so lange und wird schnell schlaff. Ich habe einige körperliche Tests gemacht und die Morgenlatte war eigentlich meist vorhanden.

Nach meiner Krebserkrankung samt Chemo und RLA-Operation ist das Problem ein weniger stärker. Die Morgenlatte ist gefühlt schwächer und seltener. Es scheint mir auch, dass durch die Operation die Muskulatur im Beckenbereich nicht mehr so stabil ist. Durch Müdigkeit und einige depressive Phasen ist meine Libidio schwächer als vorher.

Alle aufgesuchten Urologen haben das Problem in die Psyche verfrachtet. Der Kopf spielt definitiv eine große Rolle. Ich bin mir aber sicher, dass der Hormonhaushalt seinen Teil dazu beiträgt und hatte mir in Absprache mit meinem Urologen das Testogel geholt. Einige Symptome, wie eine leichte vergrößerte Brust oder schwache Testosteronwerte, sind nicht eingebildet.

Es ist sehr schwierig für mich dieses Thema anzusprechen, weil solchen Funktionsprobleme die eigene Identität mit beeinflussen. Natürlich führte es ab und an zu frustrierenden Momenten im Bett, die mich unsicherer machen. Interessanterweise kommen selten negative Aussagen von Frauen. Vielmehr wirkt das Problem sich auf mein eigenes Selbstbild und mein Körperempfinden aus. Was den Kreislauf nur befördert. Die Suche nach einer Partnerin wird dadurch nicht einfacher.

Mir hat es geholfen damit offener umzugehen und das Thema anzusprechen. Früher habe ich mich das nicht getraut. Zumal ich zum Glück nicht vor dem Problem stehe, dass er gar nicht funktioniert. Davor habe ich allerdings große Angst.

Ich glaube, dass ich nicht der einzige bin und das Thema oft ein Tabu ist, vor allem bei jüngeren Männern. Ich rede nicht mit vielen darüber und wenn versichern alle, dass bei ihnen alles klappt.

Ich will betonen, dass die meisten Hodenkrebspatienten diese Probleme nur kurz nach der Behandlung oder gar nicht haben.

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