Unfruchtbarkeit & Kryokonservierung bei und nach Hodenkrebs – Informationen aus der Patientensicht

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Ich habe meinen Krebsblog in zwei Bereiche aufgeteilt:

Dieser Artikel behandelt alle Themen rund um die Fruchtbarkeit bei und nach Hodenkrebs. Ich beschäftigte mich mit Frage nach der richtigen Kryokonservierung, Masturbation bei Hodenkrebs und ob man nach Hodenkrebs unfruchtbar ist.

Ich habe noch einen vertiefenden Artikel zum Thema Testosteronmangel und Erektionsstörungen nach der Hodenentfernung. Du findest einige allgemeine Antworten auch in diesem Artikel.

Ursprünglich war dies Tagebucheintrag von meinem ersten Krankenhaustag vor der Chemotherapie (Dienstag 13.02.2018). An diesem Tag musste ich meine Sperma sammeln. Aber fangen wir der Reihe nach an.

Macht Hodenkrebs unfruchtbar bzw. zeugungsunfähig?

Die Antwortet lautet wohl meist „Nein„, zumindest langfristig. Kurzfristig sieht das anders aus. Allerdings gibt es einiges zu beachten:

Hodenkrebs an sich macht nicht sofort unfruchtbar. Trotzdem kann die Spermienqualität schon in der Frühphase leiden und zu Unfruchtbarkeit führen. Die Hodenentfernung führt ebenfalls zu einer Verschlechterung. Allerdings wird dieser Effekt oft über die Zeit durch den zweiten, intakten Hoden ausgeglichen. Langfristig reicht ein Hoden aus, um die Fruchtbarkeit zu garantieren.

Wenn man Hodenkrebs nicht behandelt, sieht die Lage noch problematischer aus, weil der Hodentumor nicht verschwindet, sondern im wahrsten Sinne des Wortes wächst.

Für die Behandlung mit einer Chemotherapie sieht es temporär noch schlechter aus. Die PEB-Chemotherapie kann sich auf die Sperma auswirken. Daher ist man oftmals für die Zeit der Behandlung und eine gewisse Phase danach wohl nicht so zeugungsfähig wie vorher (oder nachher). Aber sind wir mal ehrlich, wer will schon während einer Chemo ein Kind zeugen. 

Die Chemogifte nehmen Einfluss auf die Geschlechtsorgane und die Bildung des Testosterons. 

Die Libido schläft während der Behandlung meist ein und die Spermienqualität nimmt während der Zeit ab. Daher empfehlen die Ärzte in dieser Phase keine Kinder zu bekommen. Wenn ihr Sex während der Chemotherapie haben wollt, solltet ihr ein Kondom benutzen, weil die Abbauprodukte sich im Samen sammeln.

Eine Bestrahlung des Hodens führt meist dauerhaft zur Unfruchtbarkeit. Zum Glück wird heutzutage kaum noch bestrahlt. 

Die gute Nachricht: Nach einer erfolgreichen Behandlung wird oftmals die Fruchtbarkeit wieder hergestellt. Die meisten mir bekannten Ärzte meinten, dass man 6 Monate bis 1 Jahr nach der Chemo warten sollte.  

Garantiert ist das leider nicht.

Erzeugt Unfruchtbarkeit sogar Hodenkrebs?

Das US National Cancer Institute hat herausgefunden, dass unfruchtbare Männer dreimal häufiger Krebs entwickeln, als fruchtbare. Das deutet darauf hin, dass es Zusammenhänge geben kann. Wie die genauen Mechanismen sind ist allerdings nicht klar. 

Die Frage ist aber für den einzelnen:

  • Woher weiß man, ob man unfruchtbar ist? Will man das einfach so wissen, bevor sich die Frage nicht stellt? 
  • Viele unfruchtbare Männer bekommen keinen Krebs. Daher ist zwar die Chance höher, es ist aber nicht garantiert.

Eine ungewöhnlich niedrige Spermienanzahl, die unfruchtbar macht, ist einfach ein Indikator, dass etwas im Körper angelegt ist, ob daraus Krebs entsteht oder er sogar schon vorhanden ist, hängt vom Einzelschicksal ab. Es gibt keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung!

Unfruchtbare Männer müssen nicht in Panik gerade, unter ihnen ist Hodenkrebs selten.

Hier sind zwei Artikel zu dem Thema: 

Was allerdings andersherum gilt: Laut den Patientenleitlinien für Hodenkrebs waren etwa 75% aller Betroffenen, die nach der Therapie unfruchtbar sind, schon vorher unfruchtbar. Wenn also vorher, oft unentdeckt, die Samenqualität schlecht war, wird dies danach mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auch der Fall sein.

Wie sehen die Chancen für Kinder aus?

Ich selbst kenne zwei Personen, die Kinder nach einer Hodenkrebserkrankung bekommen haben.

In Norwegen gab es eine Befragung unter 1433 Hodenkrebspatienten. Nach 20 Jahren hatten 76% der Männer, die eine Behandlung hatten und ein Kind wollte, Nachkommen gezeugt. Es gab Unterschiede, wenn eine stärkere Chemotherapie verwendet werden musste. Außerdem sollten die Zahlen heute noch besser ausschauen, weil die Behandlung dieser Männer schon knapp 30 Jahre zurückliegt und die Medizin Fortschritte gemacht habt.

22% der Betroffenen mussten auf künstliche Befruchtung oder andere Mittel zurückgreifen. Das zeigt, wie sinnvoll eine Kryokonservierung für Hodenkrebspatienten sein kann. 

Die Studie und eine zweite Studie aus Norwegen findest du hier:

  • https://academic.oup.com/jnci/article/97/21/1580/2521451?login=false
  • https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20395037/ (die zweite Studie spricht sogar von bis zu 80%)

Komplikation: RLA-Operation und retrograde Ejakulation

An dieser Stelle möchte ich noch eine Komplikation der Hodenkrebs-Behandlung ansprechen; Einige (wenige) Patienten müssten nach der Chemotherapie noch eine sogenannte RLA-Operation über sich ergehen lassen.

Bei dieser Operation werden Lymphknoten aus dem Bauchraum entfernt, die potentiell Krebs beinhalten. Manche dieser Lymphnoten liegen an der Aorta oder an bestimmten Nervensträngen. Einer dieser Nervenstränge kontrolliert, ob der Sperma durch den Penis abgegeben wird oder in der Blase landet. 

Wenn bei der RLA-Operation nun dieser Nervt irritiert oder sogar getroffen wird, kann es sein, dass eine retrograde Ejakulation entsteht, die oftmals permanent ist. 

Bei der retrograden Ejakulation schließt sich der Blasenhals nicht. Dadurch wird der Samenerguss nicht durch die Harnröhre, hinausbefördert, sondern in die Harnblase.

Der Orgasmus wird normal erlebt, nur kommt vorne nicht raus. Dadurch wird es schwer auf natürlichem Wege ein Kind zu erzeugen. 

Was ist Kryokonservierung und wie verläuft sie bei Hodenkrebs?

Der Begriff Kryokonservierung bezeichnet den Prozess der Aufbewahrung von Samenzellen oder Eierstöcken durch Einfrieren in flüssigem Stickstoff. Ich gehe an dieser Stelle nur auf den männlichen Fall ein. 

Bei dem Mann ist der Prozess deutlich einfacher als bei der Frau. Durch Masturbation wird eine Samenprobe abgegeben. Aus dieser Samenprobe wird ein. Ein Spermiogramm gibt Auskunft über die Menge und die Vitalität der einzelnen Samenzellen.

Wenn eine gewisse Menge und mit guter Qualität abgegeben wurde, wird diese eingefroren. 

Es wird empfohlen zwei bis sieben Tage vor der Entnahme sexuell enthaltsam zu sein. Ich habe leider zwei oder drei Tage vorher masturbiert. Daher war meine Menge nicht sehr hoch. 

Wenn ein Kinderwunsch besteht können die Samenzellen später (auch nach vielen Jahren) wieder aufgetaut und einer künstlichen Befruchtung zugeführt werden.

Wenn die Samenprobe nicht ausreicht, kann der Arzt aus dem Hodengewebe sogar eine Spermienextraktion entnehmen. Dies kommt allerdings sehr selten vor.

Es gibt künstliche Methoden das Sperma aus der Blase oder dem Urin des Mannes zu extrahieren. Hört sich alles nicht so dufte an. Zum Glück passiert dies relativ selten.

Wann solltest du deine Samenzellen einfrieren?

Oftmals erzeugt schon der Hodenkrebs Probleme in der Spermienqualität, aber die Chemotherapie kann nochmal langfristig wirken.  Spätestens vor einer Chemotherapie empfehlen die meisten Ärzte aus Sicherheitsgründen eine Kryokonservierung, um einen Notfallplan zu haben. 

Wenn dein Arzt das nicht anspricht, solltest du mit ihm darüber reden.

Ist eine Kryokonservierung bei Hodenkrebs (und anderen Krebsarten) kostenlos?

Seit dem 1. Juli 2021 gibt es einen Anspruch, dass die Krankenkassen das Einfrieren und die Lagerkosten für eine Kryokonservierung von Samenzellen übernimmt. Die Kryokonservierung und die Lagerung ist seitdem für Hodenkrebs-Patienten kostenlos. Auch bei anderen Krebsarten ist dies der Fall.

Was wird übernommen:

  • Gewinnung, Untersuchung und Aufbereitung der Spermien
  • Lagerung der Spermien bis zu einem Alter von 50 Jahren

Früher mussten komplizierte Anträge ausgefüllt werden und in der Regel wurden diese abgelehnt. Die initialen Kosten für das Einfrieren beliefen sich bei mir auf 450€ und eine jährliche Lagegebühr von 272€. Ich habe meine Spermien in der Charité eingelagert.

Ich bin sehr froh, dass die Krankenkassen dies nun übernimmt. Auch wenn es öfter Problemen damit gab, weil der Prozess noch neu ist.

Das letzte Mal (2022) musste ich bei meinem Arzt ein Rezept erstellen lassen und das an die Samenbank (Charité) schicken. Dann haben sie die Kosten übernommen.

Wenn du mit der Kostenübernahme Probleme hast, kannst du gerne die Deutsche Stiftung für Junge Erwachsene mit Krebs kontaktieren. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass diese Leistung von den gesetzlichen Kassen übernommen wird. Hier ist die Pressemitteilung: https://junge-erwachsene-mit-krebs.de/rechtsanspruch-auf-kryokonservierung/

Anmerkung: 

Bei Männern ist der Prozess sehr einfach und wird komplett übernommen.

Bei Frauen ist der Prozess leider deutlich komplizierter. Folgende Aspekte sind aber abgedeckt: Laboruntersuchungen auf Infektionen (innerhalb von drei Monaten vor der Zellentnahme), hormonelle Stimulationsbehandlung (ab 18 Jahren), Bestimmung der Hormonspiegel, Ultraschalluntersuchungen, Eizellentnahme und Lagerung. 

Wo findet die Kryokonservierung statt?

Es gibt viele private Samenbanken an die du dich vor Ort wenden kannst. Ich habe meine Samenzellen in der Charité eingelagert. Krankenhäuser sind meines Wissens ein weniger günstiger. Dieser Faktor fällt natürlich heute durch die Kostenübernahme weg. 

Daher ist es dir überlassen. Wichtig ist nur, dass du definitiv vor der Chemotherapie Samenzellen einfrieren lassen solltest.

Erzeugt Hodenkrebs Erektionsstörungen?

Ich habe zu dem Thema, wie schon erwähnt, einen ausführlichen Artikel geschrieben: https://krebskrampf.de/hodenkrebs-und-testosteronmangel-was-steckt-dahinter/

Trotzdem möchte ich hier die Kurzfassung liefern. 

Klassische Erektionsstörungen werden meist nicht durch Hodenkrebs hervorgerufen. Allerdings kann ein temporärer Libidoverlust einsetzen:

  • Die Libido schläft während der Chemotherapie ein, weil der Körper und der Hormonhaushalt durcheinander gebracht werden. Außerdem ist man krank.
  • Es gibt meist kurzzeitige Probleme wegen der Hodenentfernung oder der RLA-Operation. Hier können Nerven irritiert werden. 
  • Das Testosteron-Level kann deutlich sinken, bis der zweite Hoden sich an die neue Situation gewöhnt hat. Bei manchen sinkt das Testosteron-Level permanent und muss substituiert werden.

Zusammenfassung:

Bevor ich zu meiner persönlichen Geschichte komme, möchte ich alles noch einmal kurz zusammenfassen:

  • Hodenkrebs macht meist nicht langfristig unfruchtbar. Es gibt aber Ausnahmen, wenn die Behandlung sehr schwerwiegend ist oder beide Hoden entfernt werden müssen.
  • Während der Behandlung kann es vorübergehend zu Erektionsproblemen oder einem Libidoverlust kommen. Wenn vorher alles normal lief, halten diese Problem meist nicht lange an.
  • Eine Kryokonservierung (die Einlagerung von Spermien) ist sinnvoll, um euch abzusichern. Mittlerweile wird die Entnahme und Lagerung von den Krankenkassen übernommen.

Meine persönliche Geschichte meiner Spermasammlung im Krankenhaus 

Dies ist der alte Teil mit meiner Tagebuchgeschichte. Daher sind hier ebenfalls andere Themen dabei.

Nachdem gestern die meisten Untersuchungen noch nicht abgeschlossen werden konnten, haben wir den Start der Chemotherapie um einen Tag verschoben. Das Gift soll nun morgen gegeben werden. Bisher bin ich noch relativ ruhig. Unterbewusst baut sich aber schon eine gewisse Anspannung auf, weil es natürlich beängstigend ist 5 Tage am Stück hochwirksames Gift zu schlucken. Ich versuche mich durch Gespräche mit meinem sympathischen Bettnachbarn oder Serien abzulenken und die ganze Therapie einfach Schritt für Schritt auf mich zukommen zu lassen. Ich vermute heute Nacht werde ich nicht so gut schlafen können…

Was steht heute auf dem Programm? Hörtest, Lungenfunktionstest und EKG sind zunächst das Standardprogramm und gehören zur Voruntersuchung. Ansonsten werde ich gleich abgeholt und soll ein wenig masturbieren, Kampfwichsen sozusagen. Das Ziel ist es meine Spermien einzufrieren, weil die Chemotherapie unfruchtbar machen kann. Ich versuche mir gerade NICHT vorzustellen, dass meine Zeugungsfähigkeit nun von einer Spermaladung abhängt. Druck ist nämlich nicht gerade die beste Zutat für sexuelle Handlungen. Geil bin ich gerade auf jedenfall nicht… Schauen wir mal was so rauskommt.

Unfruchtbarkeit & Kryokonservierung bei und nach Hodenkrebs - Informationen aus der Patientensicht 1
Verlegung eines zentralen Venenkatheters

Heute Nachmittag wird dann der zentrale Venenkatheter (ZVK) verlegt. Das ist ein Schlauch mit vielen Schläuchen. Was heißt das? Ein Schlauch wird in eine Halsvene geschoben und reicht bis zum Herz. Aus dem Hals ragen dann verschiedene weitere Schläuche, an denen man Blut abnehmen oder Gift bekommen kann. Vor der Verlegung des Katheters graut mir schon ein wenig, weil ich es einfach nicht verlockend finde, Schläuche in den Körper geschoben zu bekommen. Wird aber wohl halb so wild.

Update: ZVK Ist bisher keine schöne Sache. Ich liege hier und jeder Schluck nervt mich, weil es zieht und leicht an der Einstichstelle schmerzt. Ich hoffe, dass das morgen weggeht. Ich will mich auf die Chemotherapie konzentrieren und nicht auf nervige Schläuche. Holt euch einen Port!

Was ich sonst noch im Krankenhaus mache? Warten und liegen. Ich fühle mich schon definitiv kränker, sogar ohne Chemogabe. Liegt wohl an dem Kreislauf. Daher nehme ich mir vor mich regelmäßig zu bewegen.

Falls du Fragen hast, schreib mir eine E-Mail unter: patrick@krebskrampf.de.

Außerdem habe ich Serverkosten von 140€ im Jahr. Daher freue ich mich über kleine Spenden, um die Seite am Laufen zu erhalten und zu verbessern.

Wenn über 140€ gespendet wird. Werde ich den Rest an eine Krebsstiftung spenden.

Unfruchtbarkeit & Kryokonservierung bei und nach Hodenkrebs - Informationen aus der Patientensicht 2

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