Heute ist Dienstag, der 24.04.2018 und ich sitze gerade in meinem Zimmer, in meinem Bett. Ich habe Angst. Ich bin Hypochonder. Das heißt, dass ich mir potentielle Krankheiten vorstelle. Ich sitze dann lethargisch da,  höre in meinen Körper und meine Gedankenwelt dreht absurde Kreise. Dies ist vermutlich der Beitrag, den ich am längsten vor mir hergeschoben habe.

Vor was habe ich Angst? Ich habe Angst vor einem Herzinfarkt, vor einer Lungenembolie und vor den Auswirkungen der Chemotherapie auf meinen Körper. Ich bin beunruhigt, dass ich nach 3 Monaten Behandlung nach 3 Stockwerken völliger außer Atem bin. Ich werde auch Angst haben, wenn ich bald Blutuntersuchungen mache, um herauszufinden, ob der Krebs wirklich weg ist. Ich teste dauernd meinen Puls, ob alles okay ist. Und natürlich ist dieser ab und zu erhöht, dann werde ich unruhig und nervös.

Was passiert dabei konkret? Die Gedanken sind irrational und trotzdem halten sie mich temporär gefangen. Wie oben erwähnt, kreisen sie um medizinische Notfälle. Ich horche ununterbrochen in meinen Körper und nehme verschiedene „Symptome“ wahr. Ich werde unruhig, fahrig. Ich kann mich nicht mehr richtig konzentrieren. Manchmal bekomme ich Herzrasen oder zittere sogar. Panikattacken habe ich zum Glück nicht mehr. Ich hatte sie nie so oft, kann damit aber ein wenig umgehen. Trotzdem denke ich immer wieder daran den Notarzt zu rufen oder ins nächste Krankenhaus zu fahren.

Ich bin also gedanklich oft auf der Hut und erwarte eine medizinische Katastrophe. Eigentlich hatte ich nach einer Verhaltenstherapie vor 3 Jahren alles gut unter Kontrolle. Es gibt vielversprechende Maßnahmen und Mittel (Atemübungen, Entspannungstechniken oder auch Gedankenmodelle), die mir geholfen haben. Aber die Krebsdiagnose und die Chemotherapie helfen nicht gerade, das Thema zu unterdrücken. Die Angst kommt wieder hoch und belastet mich.

Ich habe wenig Vertrauen in meinen eigentlich sehr stabilen Körper und diese Angst begleitet mich seit mehr als 10 Jahren. Bestimmte Ereignisse, der Tod meiner Mutter oder der Krebs befördern diese Gedanken, sind aber nicht die einzigen Ursachen. Dahinter stecken auch immer tiefere psychologische Elemente.

Es fällt mir auch nicht wirklich leicht, so offen darüber zu schreiben. Einige meiner Freunde wissen davon, aber so öffentlich – das ist doch etwas anderes. Wieso ich es mache und darüber schreibe? Es ist Teil von mir und spielt auch intensiv in meine Bewältigung der Krebsdiagnose mit hinein. Außerdem weiß ich, dass Menschen verschiedene psychische Probleme haben und darunter oftmals still stärker leiden als manch anderer glaubt.

Ich weiß auch, dass Menschen manchmal gar nicht richtig nachvollziehen können, welche Probleme andere haben (meine Hypochondrie ist hier nur ein Beispiel für eine Vielzahl psychischer Erscheinungen). Einfach weil die Erfahrungen gerade bei psychischen Phänomen nicht von jedem gemacht werden. Jeder kann Bauchschmerzen nachvollziehen, aber eine Panikattacke hat noch nicht jeder erlebt.

Ich erzähle Leuten immer wieder von den Ängsten und merke im Grunde, so richtig nachvollziehen können sie es nicht. „Einfach mehr Geduld“ heißt es dann manchmal oder „Lenk dich ab“. Das ist richtig und falsch zugleich. Schließlich ist es unrealistisch einen Raucher durch die Aussage, „Rauch doch einfach keine Zigarette“ dazu zu bewegen, mit dem Rauchen aufzuhören.

Dieser Beitrag ist eher ein Statement als eine Lösung. Ich möchte Leuten einfach zeigen, dass es viele Probleme gibt und es sinnvoll ist Hilfe zu suchen. Ich war immer der Meinung, wenn man sieht, wie auch andere nicht perfekt sind, kann man sein eigenes Leben auch besser bewältigen. Keiner muss alleine sein.

Ich erhalte heute auch die vorletzte Bleomycin-Chemospritze. Das letzte Mal bekam ich danach Fieber und musste ins Krankenhaus. Natürlich habe ich auch davor wieder ein wenig Angst.

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