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Seit dem 17.06.2019 arbeite ich wieder in Vollzeit, fast genau ein Jahr nach meiner letzten Krebs-Operation. Der neue Job ist okay, aber auch anstrengend.

Diese Anstrengung hängt mit meiner Krebserfahrung zusammen.

In dem ersten Teil des Beitrags schildere ich, was ich während meine Krebsbehandlung und danach mit meinem Arbeitgeber erlebt habe. Es gibt Licht und Schattenseiten und ich berichte aus meiner Perspektive. Im unteren Teile gehe ich auf allgemeine Fragen ein.

Was erwartet dich in dem Artikel?

Arbeiten und Krebs, geht das?

Nach der Hodenkrebs-Diagnose und der Notoperation im Januar 2018 war ich zwei Wochen krank geschrieben. Trotzdem kamen schnell mehrere Fragen in mir auf:

Bin ich überhaupt abgesichert? Wie reagiert mein Arbeitgeber auf die Erkrankung? Wie lange erhalten ich Krankengeld? Welchen Einfluss wird der Krebs auf mein Berufsleben haben?

Deshalb habe ich mich zunächst über die rechtliche Situation informiert und meinen Arbeitgeber Bescheid gegeben. Ich wollte möglichst transparent sein, obwohl ich noch gar nicht wusste, wie lange die Therapie dauert und ob ich eine PEB-Chemo machen muss.

Mir war wichtig, dass ich nicht völlig aus der Arbeit rausfalle.

Ich hatte Angst den Anschluss zu verpassen oder sogar gekündigt zu werden. Soweit kam es natürlich nicht.

Mein Arbeitgeber war in dieser Phase entgegenkommend. Ich habe keinen Stress erlebt und er sagte, ich müsse mir keine Sorgen machen. Die Personalabteilung war hilfreich und ich habe während der Erkrankung gut mit ihnen zusammengearbeitet. Danke Matthias.

Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ich mir nicht wegen meinem Arbeitgeber Sorgen machen musste, sondern wegen der deutschen Gesetzgebung.

Sie regelt, wie lange ich die Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber und das Krankengeld von der Krankenkasse erhalte. Zusätzlich habe ich einen Schwerbehindertenausweis beantragt, der mir einen besseren Kündigungsschutz verschafft.

Konnte ich während der PEB-Chemotherapie arbeiten?

Im ersten und zweiten Zyklus und kurz danach bearbeitete ich einige kleinere Projekte mit einer Kollegin. Die Arbeit hat mir geholfen mich von der kräftezehrenden Wirkung der Therapie abzulenken. Daher wollte ich bewusst kleinere Arbeitsschritte von Zuhause erledigen.

Im dritten und vierten Zyklus war das auf Grund meiner Schwäche nicht mehr möglich. Mein Körper war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und ich sagte mir an einem Punkt: „Konzentriere dich auf das wesentliche“, „ruh dich aus“. Mein Job war es zu diesem Zeitpunkt, mir keinen Infekt einzufangen und den Krebs zu besiegen. In den letzten zwei Zyklen wäre arbeiten nicht möglich gewesen.

Wann habe ich nach der Behandlung wieder gearbeitet?

4 Wochen nach meiner Chemotherapie habe ich in Absprache mit meinem Arbeitgeber und meinem Arzt die Wiedereingliederung begonnen. Ich erhielt weiterhin Krankengeld und konnte selbst entscheiden, wie viele Stunden ich arbeite. Ich habe mich für 15 Stunden pro Woche entschieden.

Leider musste ich Ende Juni noch einmal eine RLA-Operation über mich ergehen lassen, um ein Rezidiv auszuschließen. Dadurch war ich wieder für 4 Wochen krank geschrieben und meine Wiedereingliederung konnte erst Mitte Juli weitergehen.

Insgesamt war ich mit einigen kleineren Unterbrechungen und kurzen Eingliederungsphasen vom 11. Januar bis zum 2. August knapp 7 Monate krank geschrieben.

Im Anschluss an meine Krankschreibung war ich für 2 Wochen im Urlaub in Dänemark und für 3 Wochen in der Reha in Bad Oexen.

Danach fing ich im September 2018 wieder an, Vollzeit zu arbeiten. Ich habe schnell gemerkt, dass 40 Stunden nach dem anstrengende Jahr zu viel sind und bin auf eine 32-Wochen-Stunde umgestiegen. Die Entscheidung war definitiv richtig.

Erfahrungen mit meinem Arbeitgeber nach der Wiedereingliederung

Die Arbeit hat mir zu Beginn gut getan. Sie hat mir wieder Struktur gegeben. Trotzdem war mir schnell klar, dass die Krebstherapie Spuren hinterlassen hat. Ich habe Arzttermine sehr ernst genommen, weil ich noch Darmprobleme hatte. Zusätzlich war ich dreimal bei einer Freundin in Aachen, die leider an einem Rezidiv im Gehirn erkrankt war.

Ich bekam immer wieder Angst vor einem Rückfall und konnte in dieser Phase den Alltag nicht ernst nehmen.

In dieser Zeit erschien mir vieles unbedeutend: die immer gleichen Arbeitsfragen, die Interessen meiner Mitmenschen. Von meiner ersten Party bin ich einfach abgehauen, weil ich die Themen als sinnlos empfand. Das einzige was für mich zählte war die Gesundheit und die Erfahrungen, die ich im Krankenhaus und in der Reha gemacht hatte.

Ich fühlte mich entfremdet. Mein neuer Sinn, der so eindrücklich und elementar war – Der akute Kampf um mein Leben – war plötzlich weg. Mein Körper war geheilt. Nur hatte mein Kopf die Erfahrungen noch nicht verarbeitet.

In der Arbeit habe ich geschaut, dass ich das Nötigste mache. Die Resultate haben gestimmt, trotzdem war ich nicht fokussiert. Dadurch kommunizierte ich weniger mit meinem Chef und mein Chef weniger mit mir. Im Nachhinein hat sich das als Problem erwiesen.

An einem späteren Punkt sagte er in einem Gespräch über meine Zukunft in der Firma: „Weißt du, als du wieder gekommen bist, habe ich erwartet, dass du eine Extraschippe drauflegst“, stattdessen reduzierte ich auf 32-Stunden. Ich habe darauf nicht direkt geantwortet, sondern wusste nur, ernst nehmen konnte ich diesen Mann nicht mehr.

Diesen Satz und diese Einstellung dahinter habe ich mir gemerkt und er macht mich noch heute sauer. Der Satz zeugt von einer falschen Erwartung und er unterstellt mir, dass ich nicht motiviert war.

Falsch: Ich habe in Teilen der Chemotherapie kleinere Projekte erledigt, während dessen mir Gift in den Körper gepumpt wurde. Ich war motiviert, mein Leben nicht zu verlieren.

Richtig: Ich war 2-3 Monate lang nicht motiviert genug, die Arbeit ins Zentrum meines Lebens zu rücken.

Ich bin noch immer wütend auf einiges, was mit dieser Aussage zusammenhängt. Dahinter stecken auch Dinge, die nichts mit meiner Krankheit zu tun haben. Trotzdem wurde mir klar, dass in der Arbeitswelt „talk cheap“ ist. Was jemand an einem Tag sagt, kann am folgenden Tag schon wieder ganz anders sein.

Nach dieser Episode habe ich begonnen, einen neuen Job zu suchen. Diesen habe ich Mitte Juni begonnen.

Meine Krebserkrankung war definitiv eine der Ursachen, warum ich den Job gewechselt habe. Die Krankheit war wie ein Katalysator, weil innere Tendenzen in mir gefördert wurden und zwischenmenschliche Beziehungen offenbart wurden.

Daher herrscht bis heute ein gemischtes Gefühl in mir. Ich habe gerne mit meinen Kollegen und für das Projekt gearbeitet. Gleichzeitig habe ich sehr negative Gefühle für das feige Verhalten meiner Vorgesetzten.

Mein Fazit

Arbeit und Krebs ist kompliziert. In der akuten Phase hatte ich keine Probleme, weil alles gesetzlich geregelt war und der Arbeitgeber mitspielte. Die Probleme haben bei mir angefangen, als ich geheilt war.

In Wahrheit hat mich die Erfahrung der Krebserkrankung und die Behandlung verändert. Mein Arbeitgeber hat diese Veränderung nicht verstanden. Daher war der Bruch mittelfristig unausweichlich.

Ich habe gelernt, dass Kommunikation bei dem Thema wichtig ist. Natürlich bringt diese Offenheit manchmal nichts. Ich bin an Barrieren gestoßen. Diese Barrieren waren Teil meiner Prinzipien, weil ich bestimmte Sachen nicht mit mir machen lasse. Dies ist ebenfalls eine Lehre aus dem letzten Jahr.

Ich werde in Zukunft motiviert arbeiten. Die Arbeit steht aber nicht an erster Stelle setzen. Ich werde nicht für die Arbeit „leiden“ oder „nervige Phasen“ durchmachen, nur weil danach alles angeblich besser wird oder mehr Geld wartet.

Ein Aspekt dieser Erkenntnis ist, dass ich wieder auf 32 Stunden reduzieren will. Diese Reduktion hat mir gut getan und ich konnte mich ernsthaft um mich kümmern.

 

Im nächsten Teil gehe ich auf allgemeine Fragestellungen ein

Musst du deinem Arbeitgeber den Grund der Erkrankung nennen?

Nein, musst du nicht. Bei einem guten Vertrauensverhältnis kann es sinnvoll sein, dies zu tun. Immerhin müsst ihr später auskommen. Allerdings bist du nicht dazu verpflichtet, den Grund der Erkrankung oder Details zu nennen.

Ich und die meisten die ich kenne, haben dies getan und es war sinnvoll. 

Es ist dein Leben und deine Entscheidung. Wenn du Hilfe brauchst, kannst du dich an Psychoonkologen, Krebsberatungsstellen oder den Betriebsrat wenden.

Wie ist das Kündigungsrecht nach einer Krebserkrankung?

Der wichtigste Faktor ist die Schwerbehinderung. Für Schwerbehinderte gilt nämlich ein besonderes Kündigungsrecht (§§ 168-175 SGB IX). Als Krebspatient erhältst du in der Regel einen Schwerbehindertenausweis ab 50% (§ 2 Abs 2 SGV IX), den du dir holen solltest. Der Ausweis ist ein kleiner Lastenausgleich und kein Freifahrtsschein. Daher keine falsche Scheu.

Kann ein Schwerbehinderter gekündigt werden?

Ja. Aber das Verfahren läuft anders ab. Bei einer Kündigung muss der Arbeitgeber die Zustimmung des Integrationsamtes einholen. Ohne diese Zustimmung ist die Kündigung wegen eines Verfahrensfehlers ungültig. Gleichzeitig gilt der Sonderkündigungsschutz für alle Betriebe.

Das Integrationsamt hört den Arbeitnehmer an und stellt fest, ob die Kündigung im Zusammenhang mit der Behinderung steht. Wenn dies der Fall ist, ist die Kündigung ungültig.

Bei erteilter Zustimmung durch das Amt, bleibt dem Schwerbehinderten die Möglichkeit eine Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht zu erheben.

Das Sonderkündigungsrecht besteht auch, wenn der Arbeitgeber nichts von der Schwerbehinderung weiß. Allerdings muss die Schwerbehinderung mindestens 3 Wochen vor der Kündigung beantragt worden sein. Der Schwerbehinderte muss seinen Arbeitgeber innerhalb von einem Monat nach der Kündigung darüber informieren.

Wenn Abmahnungen vorliegen oder ein Fehlverhalten des Arbeitnehmers vorliegt, kann dies zu einer gülten, verhaltensbedingten Kündigung führen. Der Erkrankte hat also keine Narren-Freiheit. Betriebsbedingte Gründe können zu einer gültigen Kündigung führen, allerdings muss das Unternehmen erklären, wieso genau dieser Arbeitsplatz wegfällt und wieso kein anderer freier Arbeitsplatz gestellt werden kann.

Die Zustimmung des Integrationsamtes ist nicht notwending, wenn eine einvernehmliche Kündigung stattfindet. Das heißt, wenn ein Aufhebungsvertrag unterschrieben wird oder der Arbeitnehmer kündigt.

In der Probezeit, also in den ersten 6 Monaten, gilt das Sonderkündigungsrecht nicht!

Das wichtigste auf einen Blick:

  • Schwerbehinderte haben ein Sonderkündigungsrecht, sind aber nicht unkündbar.
  • Der besondere Kündigungsschutz gilt für Schwerbehinderte ab dem Grad von 50.
  • Der Arbeitgeber muss das Integrationsamt vor Ausspruch der Kündigung um Zustimmung bitten.
  • In der Probezeit gilt das Sonderkündigungsrecht nicht.

Wie lange erhältst du Krankengeld, und wie hoch ist dieses?

Eine Krebstherapie dauert oft mehrere Monate. Daher ist die Frage nach der monetären Absicherung wichtig.

Im ersten Schritt erhalten Angestellte 6 Wochen die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall durch den Arbeitgeber. Während dieser Zeit erhältst du dein volles Gehalt.

Wenn du länger als 6 Wochen wegen derselben Erkrankung krankgeschrieben bist, zahlt die gesetzliche Krankenkasse (GVK) die Entgeltersatzleistung der Krankenversicherung, das sogenannte Krankengeld, aus.

Die Höhe des Krankengeldes?

Der Betrag liegt zwischen 70% und 90% deines Netto-Gehalts

Im meinem Fall habe ich fast 90% des Netto-Einkommens erhalten. Die genaue Berechnung kenne ich nicht. Es spielt eine Rolle, ob du alleine lebst oder nicht.

Wie Lange wird das Krankengeld gezahlt?

Das Krankengeld wird bis zu 78 Wochen ausgezahlt. Davon werden die ersten 6 Wochen der Lohnfortzahlung abgezogen. Du erhältst das Geld daher knapp unter 1,5 Jahre, falls nötig.

Bei Krebserkrankungen kann es durchaus sein, dass du Phasen hast in denen du krankgeschrieben bist aber zwischendurch arbeiten kannst. Daher gelten die 78 Wochen für den Zeitraum von 3 Jahren, egal ob du am Stück krank bist oder nicht. Nach den 3 Jahren kannst du nochmal 78 Wochen Krankengeld erhalten.

Wenn dieser Zeitraum abgelaufen ist und du weiterhin berufsunfähig bist, greifen andere Mechanismen wie Sozialhilfe oder Frühverrentung.

Was ist das „Hamburger Modell“ zur Wiedereingliederung?

Das Hamburger Modell ist eine stufenweise Wiedereingliederung (§ 74 SGB V, § 44 SGB IX) in den Arbeitsplatz. Die Rehabilitation wird von einem Arzt nach der Krebsbehandlung verschrieben, damit du dich an die Arbeit gewöhnen kannst. Ihr erarbeitet zusammen einen Stufenplan in dem schrittweise die Wochenstunden erhöht werden. In diesem Plan sind Verlauf und Dauer der Wiedereingliederung festgelegt.

Der Zeitraum der Wiedereingliederung kann je nach Krankheit und Absprache zwischen sechs Wochen und sechs Monaten liegen.

Wie läuft die Eingliederung ab?

Du besprichst mit deinem Arzt wann die Maßnahme nach der Behandlung beginnt und wie viele Stunden pro Woche du arbeiten möchtest. Du kannst eine stufenweise Erhöhung der Arbeitsstunden wählen. Ich habe z.B. im ersten Monat 15 Stunden pro Woche gewählt.

Im Grunde brauchst du nur mit deinem Arzt einen Antrag für das Hamburger Modell ausfüllen und damit zu deinem Arbeitgeber und der Krankenkasse gehen.

Der Arbeitgeber stimmt meist direkt zu, weil er während der Eingliederung für deine Arbeitszeit nichts bezahlt. Die Krankenkasse fördert die Eingliederung ebenfalls, weil du damit langsam wieder ins Arbeitsleben einsteigst.

In dieser Zeit kannst du keinen Urlaub nehmen, weil du offiziell noch arbeitsunfähig bist. Für dich ist es ein Test, ob du fit bist und mit der Arbeit klar kommst.

 

Abschließend hoffe ich, dass ich dir helfen konnte. Wenn du Fragen hast, kannst du mich gerne unter: patrick@krebskrampf.de anschreiben.

 

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