Ich möchte an dieser Stelle ein Thema aufgreifen, welches mich schon seit der Chemotherapie beschäftigt und schwer zu fassen ist. Ich nenne es daher oft „Entfremdung“.

Es tritt bei mir relativ häufig auf, wenn ich mit anderen Menschen zusammentreffe. Ich fühle mich zur Zeit oftmals „entfremdet“ von Menschen, die keinen Krebs hatten. Wieso? Sie verstehen nicht wirklich, was mir passiert ist (ohne böswillig zu sein) und ich nehme ihre Worte auch nicht wirklich ernst. Es fühlt sich so an, als ob wir aneinander vorbeireden. Äußerlich kommunizieren wir, aber innerlich höre ich nur „Bahnhof“ und Züge rauschen durch meinen Kopf.

Diese Entfremdung betrifft auch mich alleine: Mir gefallen plötzlich bestimmte Hobbies nicht mehr. Früher (und auch teilweise in der Chemo) habe ich gerne Serien geschaut oder PC gespielt. Heute macht mir beides keinen Spaß mehr. Andere Krebspatienten haben berichtet, dass sie früher viel gelesen haben und das im Moment gar nicht mehr geht. Meine Einstellung zum Leben hat sich merklich geändert und mein Verhältnis zu meinem Körper wurde anders.

Es wirkt so, als ob ich in zwei Welten lebe: Die Alltagswelt und die Krebswelt. Die eine ist beseelt von typischen Alltagsproblemen, die auch alle ihre Berechtigung haben. Außerdem herrschen weniger Ängste vor. Der Alltag lässt einen viel vergessen und es dringen „banale“ Fragen oder die Arbeit in den Vordergrund. Die andere Welt ist beherrscht von Fragen nach der eigenen Gesundheit oder dem nächsten MRT-Termin. Diese Fragen stell ich mir aber lieber nicht zu oft, sonst beginnt das Kopfkino.

Die Krebsspastis

Vorweg: Das Geschilderte ist mein persönlicher Blick. Jeder geht mit der Erkrankung auf seine Art und Weise um. In dieser Krebswelt gibt es Leidensgenossen, die einen oft besser verstehen, weil sie Ähnliches (wenn auch nicht das Gleiche) durchgemacht haben. In der onkologischen Reha habe ich den Begriff „Krebsspastis“ für uns benutzt, weil irgendwas doch nicht ganz stimmt. Gleichzeitig war es auch die Anerkennung, dass es andere gibt, die sowas durchgemacht haben und das wir uns nicht schämen muss (z.B. für kurze Haare oder für Ängste). Ich konnte daher mit anderen Patienten schneller über ernstere Probleme sprechen als im Alltag. Ihnen war auch klar, was es bedeutet, wenn man „Fatigue“ oder einfach Angst vor dem nächsten Vorsorgetermin hat. Die geteilte Erfahrung hat dazu geführt, dass es auch mit fremden Menschen einfach „geflutscht“ hat. Wo lerne ich schon eine lachende Mutter mit drei Kindern oder einen KFZ-Mechaniker aus Ostfriesland kennen; nicht in meiner Arbeit oder in Berliner Clubs. Paradoxerweise hatte ich in dieser Zeit sehr viel Spaß.

Im Moment ist diese Krebswelt intensiver und „realer“. Es fühlt sich so an, als ob hier nicht ganz so viel Bullshit stattfindet. Es geht sogar so weit, dass ich mich regelrecht langweile mit meinen Alltagsthemen. Das ist nicht böse gemeint und ich habe genügende Eltern in der Reha kennengelernt, die Zuhause sehr viel zu tun haben. Das ist alles andere als langweilig.

Woher kommt diese Entfremdung?

Ich denke, dass Krebs einfach den ganzen Menschen verändert.

Zunächst ist der Körper dran: Die Behandlungen erzeugen Narben und Nebenwirkungen. Manchmal müssen Hoden oder Brüste abgeschnitten werden (Club der Eineiigen lässt grüßen!) oder es werden in härteren Fällen ganze Organe entnommen. Dadurch verändert sich die Funktionsweise und auch die Beziehung zum eigenen Körper. Ich war zum Beispiel vorher schon nicht so stolz auf meinen Körper, aber die Bauchnarbe macht es nicht besser… Außerdem fallen bei der Chemo oder Bestrahlung die Haare aus. Da kann man noch so oft sagen, die wachsen nach. Es ist eine Veränderung des eigenen Selbst.

Daneben gibt es die mentale Veränderung. Krebs geht oft mit dem Erlebnis einher, dass der Erkrankte einer existentiellen Gefahr gegenübersteht. Einige schweben sogar akut in Lebensgefahr, aber wir alle wissen, diese Krankheit kann tödlich sein und immer wieder aufflammen. Jeder wird mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Dadurch bin ich unterbewusst immer im „Nachsorgemodus“. Zusätzlich hört der „sorglose“ Alltag auf: Durch die Therapie konnte ich nicht arbeiten, die meine Eltern oder die Kinder von anderen Patienten mussten uns oft im Krankenhaus besuchen und jeder hat sehr viel Zeit für sich. Immerhin sind Krankenhausnächte lang!

Als Krebspatient wird man auf sich selbst und die eigene Gesundheit zurückgeworfen. Gerade in einem Moment, in dem der Patient andere Menschen braucht und ihnen auch Sorgen bereitet. Es ist eine sehr zwiespältige Situation, die Spannungen im sozialen Bereich erzeugt, weil die Therapie oft langwierig ist. Die Krebstherapie ist nicht in 2-3 Wochen erledigt, sondern die Vernichtung der Verräterzellen dauert oft Monate oder sogar Jahre. Ich möchte das Thema hier aber nur anschneiden, weil ich im nächsten Beitrag auf Familie und Freunde eingehe.

Hinzukommen Zukunftsängste, gerade bei Jugendlichen oder Menschen im mittleren Alter: „Finde ich einen Job und kann ich weiterarbeiten, kann ich nach der Chemotherapie Kinder bekommen? Wie versorge ich meine Kinder?“

Neben diesen negativen Erfahrungen gibt es aber auch positive Aspekte: Oft lernt der Erkrankte, wer und was ihm wichtig ist. Der Blick auf das Leben schärft sich, weil er oder sie weniger (unnötige) Kompromisse eingeht. Es entstehen neue Bekanntschaften mit anderen Betroffenen und man darf ruhig stolz auf sich sein, wenn verschiedene Therapien überstanden sind und die neuen Umstände erfolgreich gemeistert werden (ich sage nur: keine Perücke tragen!). Bei einigen kommen ganz neue Ideen auf: der eine entschließt sich Fallschirm zu springen oder die andere denkt plötzlich an Tattoos.

Das Krebsereignis ist oft auch ein Moment der Reflexion. Die Beschäftigung mit sich zwingt einen dazu, sich auch mit eigenen Problemen vor dem Krebs auseinanderzusetzen. Das Prozess ist nicht immer schön oder leicht, aber oftmals notwendig. Das gelingt auch nicht immer und einige stürmen direkt wieder in den Alltag oder verdrängen alles. Jeder Krebspatient hat seine eigene Art, damit umzugehen und ich will hier keinen Weg besser stellen.

Was nun?

Der Welt ist es egal, ob du Krebs hast. Die Welt dreht sich weiter. Und trotzdem hat sich meine Welt verändert. Ich habe mich verändert und das muss ich akzeptieren. Das führt auch zu neuen Problemen. Aber es ist unvermeidlich und kann sogar eine Chance sein.

Natürlich wurde jeder in einer anderen Situation vom Krebs erwischt. Einige wurden völlig aus dem Leben geschmissen, andere sind besser davon gekommen. Daher will ich am Ende nur für mich sprechen: Ich war vor 2018 nicht super-unglücklich, aber auch nicht erfüllt. Daher habe ich mir vorgenommen, den Krebs als Warnschuss zu sehen und mir von nun an genauer zu überlegen, was ich vom Leben will. Ich habe noch keinen großen Plan, aber ich weiß, was ich angehen muss. Auch weil ich die Zeit nicht zurückdrehen kann. Es ist passiert und die Konsequenzen sind da. Deshalb gilt es nun das Beste aus der Situation zu machen und sich selbst ernst zu nehmen. Wenn ich nicht auf mich aufpasse und meine eigenen Bedürfnisse negier, kracht es über kurz oder lang immer.

Ich hoffe, dass die Entfremdung nachlässt, wenn ich diese letzten Punkte in Angriff nehme. Trotzdem will ich nicht zu früh in den Alltag entfliehen. Die Flucht vor dem eigenen Ich ist eine leichte Option, aber keine gute.

Auch wenn mir zur Zeit das Lachen noch schwer fällt, hat eine Freundin gesagt: „Ja was soll man denn machen, immer weinen bringt’s ja auch nicht.“

Ich wünsche allen „Krebsspastis“ einen positiven Weg zurück in den Alltag und natürlich Gesundheit! Denkt an euch und Keep Kicking Cancers Ass.

Update:

Ich wollte kurz noch einmal auf den Begriff „Krebsspasti“ eingehen. Im normalen Sprachgebrauch wird der Begriff „Spasti“ abwertend und negativ gebraucht und ich würde auch nicht für gut heißen, wenn fremde Menschen mich so bezeichnen. In der Reha habe ich und andere Patienten den Begriff als positive Selbstaneignung verwendet. Wir wussten, dass etwas negatives passiert ist und das manches nicht rund läuft. Durch den Begriff haben wir diese Phänomen auf den Punkt gebracht und eine trotzige Gemeinschaft erzeugt. Es gab auch einige, die den Begriff nicht gut fanden/finden. Was ich nachvollziehen kann. Im US-Rap gibt es um die Aneignung des N-Wortes eine ähnliche Debatte. Für mich hat Sprache jedoch etwas spielerisches und lebendiges. Sie hängt immer von demjenigen ab, der sie verwenden. Ich habe mich aus oben genannten Gründen bewusst dafür entschieden.

Der Begriff bezieht sich auch nicht auf Menschen mit Spastiken und soll diese nicht verunglimpfen. Im Grunde ist der Gebrauch dieses Begriffs ein sprechendes Beispiel für die Entfremdung, die zunächst komisch auf Menschen ohne die Krankheit wirkt (und auch einige mit der Krankheit heißen den Begriff nicht gut).

Ähnliche Beiträge

Das Staging bei Hodenkrebs und Arztbefunde versteh... Zu beginn jeder Krebsdiagnose stellt sich jeder Betroffene die gleiche Frage: Was genau habe ich und wie kann ich den Krebs einordnen. Wie gefährlich ...
Was macht Krebs mit Familien und Freunden? In meinen letzten Beiträgen habe ich versuchte mentale Aspekte der Krebserkrankung, wie Entfremdung oder das Rezidiv, in den Vordergrund zurücken. Heu...