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Ich wollte eigentlich einen positiven Beitrag schreiben, ganz in dem Sinne: „seid immer positive und genießt des Leben“. Natürlich ist das ein guter Vorsatz. Dieser Artikel muss aber noch ein wenig warten. Ich möchte vorher ein anderes Thema ansprechen: Wie beeinflusst mich das letzte Jahr in meinen eigenen Gedanken oder Handlungen? Oder anders ausgedrückt: Welche Rolle spielt die Erinnerung an den Krebs und meine Behandlung.

Körperlich geht es mir relativ gut. Die noch anhaltenden Auswirkungen sind Müdigkeit, Hämorrhoiden gepaart mit leichten Stuhlproblemen und ein Ziehen an meiner Bauchnarbe. Durch diese körperlichen Symptome werde ich immer wieder an alles erinnert. Auch jeder Blick in den Spiegel am Morgen, zeigt mir, dass etwas passiert ist.

Wichtiger sind aber die mentalen Auswirkungen:

Die Folgen des Krebses im Alltag

Ich möchte in diesem Artikel zwei Auswirkungen auf mein Alltagsleben erzählen. Zum einen kommt es immer wieder zu der schon angesprochenen Entfremdung. Manchmal sitze ich unter Arbeitskollegen oder Freunden. Die Stimmung ist lustig. Trotzdem kommt mir in solchen Situationen alles banal vor und ich trifte in Gedanken ab. Ich denke dann an meine eigene Geschichte oder die anderer Patienten. Mir fehlt die Leichtigkeit der „gesunden“ Menschen. Es ist wie eine Barriere. Meine Erfahrung trennt mich von den Mitmenschen. Natürlich verschwindet dieser Moment. Trotzdem kommen solche Situationen immer wieder, obwohl ich eigentlich froh sein sollte, dass alles vorbei ist. Mein Kopf lässt eben nicht ganz los. Dafür waren die Ereignisse seit Januar zu intensiv.

Zum anderen versuche ich gerade wieder Frauen kennen zulernen. Hier spielt das Thema auf unterschiedlicher Ebene eine Rolle. Ich überlege dauernd, ob ich das Thema bei einem ersten Treffen ansprechen soll. Unterbewusst merke ich, dass ich es möglichst schnell ansprechen will. Es hat mich immerhin das ganze Jahr beschäftigt. Zusätzlich herrscht dann Klarheit. Aber es ist natürlich kein lustiges Thema und kann ein Spaßkiller sein. Bisher bin ich unterschiedlich vorgegangen.

Bei weiteren Schritten kommen zusätzliche Gedanken hinzu: Wie reagiert die Dame auf meine große Narbe oder funktioniert da unten alles. Immerhin gab es zwei Operationen in der Region. Eigentlich sollte ich solche Gedanken zunächst ausschalten. Aber sagt das mal meinem Unterbewusstsein. Mein eigenes Körpergefühl war vorher schon nicht ideal. Seit dem Krebs ist es definitiv nicht besser geworden. All das nagt am Selbstbewusstsein und damit auch an dem lockeren Auftreten. Nicht die besten Voraussetzungen für ein Date. Zusätzlich gibt es Menschen, die keine Lust auf kranke Personen haben oder skeptisch vor einem Rückfall sind. Ich möchte diese Menschen zwar auch nicht daten. Leider rieche ich das vorher nicht. Ich kämpfe daher noch mit dem richtigen Umgang.

Mein Körper der Gegner

Gestern hatte ich Bauchschmerzen und einen Rückfall in meine hypochondrischen Ängste. Ich wurde sofort an meine inneren Blutungen im Januar erinnert. Dies hat Puls und Blutdruck nach oben getrieben. Ich hatte jetzt über einen Monat keinen solchen Vorfall und war darüber sehr froh. Gestern wurde ich aber wieder an dieses Verhalten erinnert. Es tritt auf, sobald mein Körper sich komisch anfühlt oder spezifische Schmerzen aufflammen. Ich bin gespannt, wie oft das in Zukunft passiert. Mein Unterbewusstsein sieht meinen Körper eher als Gefahrenquelle an und vertraut ihm nicht. Durch den Rehasport konnte ich wieder Vertrauen fassen. Trotzdem muss das Vertrauen noch stärker werden. Dieser Prozess wird vermutlich noch eine Zeit andauern.

Der Kontakt zu anderen Patienten

Ich habe noch Kontakt zu einigen Personen aus der Reha und kenne auch in Berlin oder Mannheim einige Krebspatienten. Der Austausch mit einigen neuen Freunden und netten Menschen ist äußert positiv und ich will ihn nicht missen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Situationen, in denen jemand einen Rückschlag (z.B. Metastasen oder ein Rezidiv) erlebt. Ich bekomme das natürlich mit. Diese Information löst auch bei mir das Kopfkino aus. Ist doch noch etwas da? Kann es zu einem Rückfall kommen? Mir ist der Kontakt aber wertvoller. Immerhin möchte ich diesen Leuten auch beistehen und hoffe, dass sie das gleiche bei mir machen würden.

Mit diesem Beitrag will ich darauf hinweisen, wie die Krebserfahrung mental mich noch heute beeinflusst. Ich arbeite daran. Ich kann aber auch nicht einfach zu der Zeit vorher zurückkehren. Diese Erfahrung ist nun ein Teil von mir. Körperlich hoffe ich, dass alles okay ist. Garantieren kann es leider keiner.

Mich würde auch interessieren, wie andere Krebspatienten mit der Thematik umgehen und wie lange die Krankheit bei euch nachgewirkt hat?

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