In meinen letzten Beiträgen habe ich versuchte mentale Aspekte der Krebserkrankung, wie Entfremdung oder das Rezidiv, in den Vordergrund zurücken. Heute widme ich mich dem sozialen Umfeld. Anhand meiner eigenen Erfahrung und den Erzählungen von Mitpatienten möchte ich die Auswirkungen der Erkrankung und der Therapie auf Familie und Freunde veranschaulichen. Krebs hat, wie Alkoholismus, eine soziale Komponente. Ich möchte das Verständnis fördern, indem ich verschiedene Perspektiven anspreche.

Krebs und Familie

Zunächst fokussiere ich mich auf die familiäre Dimension, weil viele von euch Erfahrung mit Krebs in der Familie besitzen. Es gibt natürlich immer unterschiedliche Ausgangslagen. Mal hat der Sohn Krebs und die Eltern müssen sich um ihn kümmern (war bei mir der Fall), mal ist die Mutter/Vater, der Ehemann/Frau oder die Schwester/Bruder von einer Krebserkrankung betroffen. Was aber in allen Fälle gleich ist: eine Person aus der eigenen Familie wird mit einer oft existenziellen Gefahr konfrontiert, die in der Regel über eine längere Zeit anhält. Dieser letzte Punkt ist wichtig, weil die Länge der Situation alle Kraft kostet.

Als erstes muss die erkrankte Person eine schwere Aufgabe erfüllen. Sie muss Verwandten sagen, dass sie Krebs hat und in Gefahr schwebt. Das ist keine Nachricht, die du deinen Eltern oder Kindern übermitteln möchtest, während du gleichzeitig oft nicht weißt, wie schlimm die Lage ist und was passieren wird. Manche fühlen sich schuldig, ihren Eltern/Partner das anzutun oder haben verständlicherweise Angst um ihre Kinder.

Der zweite Schritt ist oft die Entwicklung eines „Egoismus„. Ich habe die Therapie über alles gestellt, weil ich mir dachte, wenn ich nicht gesund werde, ist eh alles egal. Nach dem Motto: Der Krebs will dich töten? Nun müssen alle Ressourcen mobilisiert werden, dass du die Verräterzellen vernichtest.

Nicht jeder macht das so, andere spielen das Problem herunter und wollen die Familie im Glauben lassen, dass alles nicht so wild wird. Menschen reagieren ganz anders auf die Herausforderung. Trotzdem erfahren viele eine große Solidarität von ihrer Familie. Mein Vater ist zum Beispiel während der Chemotherapie zwei Monate nach Berlin gezogen, um mich zu unterstützen und das beschissene Krankenhausessen zu verbessern!

Während der Therapie wird Versorgung des Erkrankten und das Thema Krebs übermächtig. Es werden alle Kräfte mobilisiert. Daher bleibt manchmal unbemerkt, dass auch die Angehörigen (Eltern, Kinder, Geschwister) sehr viel Angst um die Person haben, emotionalen Stress ertragen müssen oder natürlich ihre eigenen Probleme mit sich rumschleppen. Für den Kranken hört nämlich oft der Alltag auf, für die Angehörigen aber nicht. Die Welt dreht sich unaufhörlich weiter. In Berlin konnten Verwandte zu Psychoonkologen gehen, wenn sie das Bedürfnis haben. Das kann durchaus sinnvoll sein, gerade wenn die Situation aussichstloser wird. Niemand sollte sich blind für den anderen aufopfern. Nur wer selbst stabil ist, kann anderen effektiv helfen.

Im weiteren Verlauf wird der Kranke zum Zentrum der Aufmerksamkeit innerhalb der Familie. Das führt zu Stress, weil alle anderen sich und ihre Probleme zurückstellen. Hinzu kommt die Angst vor Operationen. Während der Betroffene schläft, müssen alle anderen untätig warten. Diese Ohnmacht habe ich selbst gespürt, als meine Mutter schwer krank war und nicht zum Arzt wollte. Ich habe die persönliche Erfahrung gemacht, dass jeder Patient ein Starrkopf sein kann und damit sein eigenes Leben riskiert. Zudem gibt es Menschen, die mit guter Intention einfach alles weglachen wollen (das Küken weiß schon Bescheid!). Das ist für das Umfeld oft nur schwer erträglich. Die Familie bekommt dadurch falsche Signale. Sie können nicht einschätzen, wie schlimm die Situation ist. Deshalb kann es sogar zum Streit kommen. Der Kranke macht sich dann Vorwürfe, „wie kann ich das meinen Eltern/Kindern nur antun“. Krebs und die Therapie sind somit für alle beteiligten Extremsituationen.

Daher bedanke ich mich allgemein für die Geduld und die Anteilnahme aller Eltern, Kinder und Geschwister, und im besonderen bei meinem Vater und meinem Bruder Michael. Eure Arbeit wird manchmal nicht gleich gelobt, aber sie wird bemerkt. Glaubt mir!

Es gibt Familienmitglieder, die sich abwenden oder sogar scheiden lassen. Oft ist hier der Krebs nur ein Katalysator und nicht dir Ursache. Manchmal haben die Angehörigen starke eigenen Probleme, dass sie sich um sich selbst kümmern müssen, sonst wird es gefährlich. Das heißt nicht, dass sie die Person aufgeben. Es gibt aber Fälle in denen Familienmitglieder einfach Angst vor dem Tod des Geliebten haben und sich deshalb der Situation aus dem Weg gehen. Das ist oft tragisch und selten böswillig (achja Krebs ist NICHT ansteckend, für alle die Angst davor haben!). Eine Lösung ist, offen darüber zu sprechen, was geht und was nicht geht.

Wahre Freunde

Freunde sind ein anders Thema, weil es unter diesen öfter zu Überraschungen kommt. Es zeigt sich während einer Krebserkrankung, wer „wahre Freunde“ sind und nicht nur Gutwetter-Bekanntschaften. Ich selbst habe keine sehr negative und ein paar positive Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel habe ich einen alten Freund nach einigen Jahren wieder öfter gesehen und wir konnten auf einer anderen Ebene neu miteinander sprechen. Das hat mich gefreut. Zusätzlich habe ich in der Reha neue Bekanntschaften und hoffentlich sogar Freundschaften geschlossen (Danke Oexengang und ein besonderer Gruß an Basti, Kathrin, Ivi und vor allem Tina!).

Der Kontakt mit dem Patienten findet in der Regel im Krankenhaus statt. Diese Besuche mögen einmal ganz spaßig sein, wenn die Therapie aber mehrere Monat andauert, kann das nervig werden. Daher kommen am Anfang mehr Leute und später nur noch engere Freunde oder die Familie (an dieser Stelle ein Dank an Lisa!). Das ist nur eine Beschreibung und kein Vorwurf.

Ich habe mir in meinen Krankenhausnächten Gedanken über Freundschaft gemacht. Meist hat sich die radikalere Einsicht durchgesetzt, dass wer jetzt nicht für mich da ist oder wenigstens mal „Hallo“ sagt, der ist nicht so wichtig. Wenn ich gesund bin, kann ich schließlich immer etwas mit Menschen machen. Gleichzeitig ist mir in Gesprächen klar geworden, dass andere zeitgleich ihre Probleme haben. Sie haben andere Prioritäten als ich und müssen ihren eigenen „Egoismus“ aktivieren. Zusätzlich ist es schwierig, wenn ich Besuch erwarte, weil das eine Forderung ist. Mit Forderung (auch indirekten) bin ich vorsichtiger geworden. Sonst sind Enttäuschungen oder Stress vorprogrammiert. Es gibt Personen die, genauso wie Verwandte, nicht damit umgehen können, wenn jemand krank ist. Sie wissen nicht wie sie Mitgefühl zeigen oder richtig reagieren sollen und bleiben darum fern. Andere haben schlicht keine Lust oder keine Zeit. Das kann dann Konsequenzen haben. Es gibt übrigens Patienten, die wollen gar nicht besucht werden. Das ist zu respektieren. Deshalb sprecht offen darüber. Das kann Problemen vorbeugen!

Nichtsdestotrotz geht es im Endeffekt um Aufmerksamkeit. Diese möchte jeder haben, gerade wenn es ihm nicht gut geht. Faktisch zerbrechen aber in diesen Extremsituationen Freundschaften. Ich kenne einige, die das erlebt haben, auch wenn es bei mir nicht so drastisch war.

Zusätzlich verändert sich der Erkrankte und diese Veränderung kann Freundschaften verwandeln. Ich habe zum Beispiel einen guten Freund, mit dem ich vorher PC gespielt habe. Dieses Hobby ist mir wegen mangelnder Motivation abhanden gekommen. Daher verbrachten wir weniger Zeit zusammen und die Beziehung wurde dadurch anders. Wir haben darüber gesprochen, weil beide das Gefühl hatten, etwas zu verlieren.

Ich wollte in diesem Beitrag verschiedene Szenarien andeuten und auf die Perspektiven der Familie & Freunde hinweisen. Einige Phänomene habe ich selbst erlebt. Es hat mir geholfen mit anderen darüber zu sprechen. Am Ende hat sich bei mir aber doch die Erkenntnis durchgesetzt, auf wen man eher setzen kann und auf wen nicht. Jeder muss selbst wissen, was er will und wie er und seine Freunde mit dem Problem umgehen. Ich persönlich bin immer noch der Meinung, dass es mir bei engen Freunden wichtig ist, dass sie Anteil nehmen. Ich versuche das bei ihnen so zu handhaben.

Mir ist in der Zeit klar geworden, dass es ein Paradox gibt. Einerseits macht es Sinn egoistisch zu sein, andererseits sind wir sozial Wesen, die Aufmerksamkeit brauchen. Dies hat mein Verständnis geschärft, wie ich mich gegenüber anderen verhalten will und wie wichtige das soziale Umfeld ist.

Ich möchte am Ende noch hinzufügen, dass ich mich wirklich über JEDEN Besuch, jeden Anruf oder jede SMS/Whatsapp Nachricht gefreut habe. Es ist nie verkehrt, Menschen wissen zu lassen, das man an sie denkt oder ihnen einen kurzen Moment schenkt. Mir hat es geholfen.

Deshalb seid für eure Familie und Freunde da, wenn sie krank sind oder psychischen Stress haben. Es muss nicht immer Krebs sein.

Gelegenheiten zusammen zulachen gibt es trotzdem genug!

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