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Heute ist der 2. Mai 2019. Genau vor einem Jahr hatte ich meine letzte Chemospritze. Deshalb möchte ich ein Resümee ziehen und euch verraten, wie es mir geht.

Eigentlich sollte ich diesen Tag feiern, immerhin sind meine Haare nachgewachsen. Allerdings habe ich eine Erkältung und fühle mich allgemein nicht danach. Morgen habe ich einen Nachsorge-MRT-Termin und bald eine Blutprobe, wenn beides negativ ausfällt, bin ich mir wieder sicherer, dass der Krebs auch wirklich weg ist. Die Erkrankung ist aber an Kopf und Körper nicht spurlos vorbeigegangen.

Mein Kopf

Ich hatte vor dem Krebs keine ideale Beziehung zu meinem Körper. Wegen einiger Altlasten hatte ich vor dem Krebs häufig das Gefühl, dass mein Körper mich verrät und manchmal nicht richtig funktioniert. Dieses Gefühl wurde im letzten Jahr durch den Krebs immens verstärkt. Ich bin definitiv nicht im Einklang mit meinem Körper, immerhin wollten einige Verräterzellen mich töten. Ich verspüre eine gewisse Diskrepanz zwischen mir und ihm.

Meine Hypochondrie hängt damit zusammen. Das Vertrauen und die Geduld mit meinem Körper sind sehr schnell aufgebraucht. Ich verfalle dann in Gedankenspiralen, ob vielleicht der Krebs zurück ist oder mein Herz verrückt spielt. Vor einiger Zeit war der Beta-HCG Wert innerhalb des Normalbereichs leicht gestiegen. Daraufhin bekam ich Angst und wollte sofort einen Arzttermin machen. Diese Ängste steigern sich nicht mehr zu Panikattacken. Ich weiß nun, wie mein Unterbewusstsein funktioniert. Trotzdem ist das alles andere als entspannt.

Gleichzeitig fühle ich zur Zeit eine verstärkte Müdigkeit (mehr dazu unten) und Antriebslosigkeit. Ich vermute, dass diese Thematik wenigstens teilweise von der Psyche stammt. Die Krebserkrankung wirkte bei mir also wie ein Katalysator und verstärkte schon vorhandene Probleme. Das „Gute“ ist allerdings, dass ich diese Probleme nun besser erkannt habe und sie bearbeiten kann. Meine größte Aufgabe ist es, mit mir und meinem Körper in Einklang zu kommen. Ich muss sowohl mich als auch die Krebsepisode akzeptieren. Das letzte Jahr ist immerhin ein Teil von mir, selbst wenn der Körper mal wieder nicht so funktioniert wie ich das will. Ich habe nur einen und diese Diskrepanz ist schädlich.

Weiterführende Information: Das SWR hat einen guten Beitrag zum Thema „Krebs, Psyche und Angehörige“ gesendet. Ab Minute 11 wird es spannend.

Mein Körper

Allgemein habe ich keine gefährlichen körperlichen Schädigungen durch die Chemo. Trotzdem bin ich nicht wirklich fit, ich bin dauernd müde und die körperliche Fitness leidet. Die Müdigkeit macht mir sehr zu schaffen, weil ich mich dadurch frage, ob doch wieder der Krebs da ist oder wo die Schlaffheit und Antriebslosigkeit herkommt. Ist es die Psyche, ist es etwas körperliches? Ich gehe davon aus, dass die Müdigkeit vom Fatigue-Syndrom nach der Behandlung stammt. Bisher gibt es leider keine eindeutige Antwort. Diese Unsicherheit belastet mich im Alltag. Ich habe dadurch Angst abgehängt zu werden, weil ich müde und unmotiviert auf dem Sofa liege.

Körperlich war ich noch nie sehr sportlich. Nach dem letzten Jahr hat mein Körper allerdings abgebaut. Darum habe ich nun wieder mit Joggen angefangen und suche eine weitere Tätigkeit. Der Sport soll sowohl die Müdigkeit in den Griff bekommen als auch meine Fitness verbessern. Dafür mache ich nächste Woche in der Charité einen Sporttest und einen Fitnessplan.

Ich habe wieder gut zugenommen. Ich wiege (95 kg) sogar mehr als vor der Erkrankung. Das war eigentlich nicht beabsichtigt und hat mich ein wenig geschockt. Die Zeit des sorglosen Essens ist nun wohl vorbei. Ich bin mal gespannt, wie meine Ernährung weitergeht, weil mir eine Umstellung schwer fällt. Bei mir im Kopf ist Essen positiv besetzt und ich möchte eigentlich keine Einschränkungen meiner Ernährung vornehmen. Zumal ich immer Appetit habe. Ich müsste eigentlich meinen Magen und mein Belohnungssystem umschulen. Ob ich dazu Lust und den Willen habe, wird sich zeigen. Bisher war das eigentlich noch nie nötig. Aber das Alter und mein Körper schreien nach Veränderung.

Sonstige Nebenwirkungen der Chemotherapie

Für mich stehen die oben beschriebenen Probleme im Vordergrund, weil sie sich auf meinen Alltag auswirken. Trotzdem gibt es noch ein paar Nebenwirkungen der PEB-Chemotherapie:

  • Im Winter hatte ich bei kaltem Wetter oft weiße oder sogar blaue Finger. Die Finger wurden auch taub. Dies geschah relativ plötzlich und ist auf das sekundäre Raynaud-Syndrom zurückzuführen. Bleomycin kann diese Nebenwirkung hervorrufen. Es ist nicht ganz klar, ob dieser Effekt wieder zurückgeht. Solange es aber keine dauerhaften Probleme verursacht, ist es immerhin nur nervig.
  • Wie oben angesprochen leide ich unter Müdigkeit und mangels besserer Erklärung gehe ich von dem Fatigue-Syndrom nach der Chemotherapie aus.
  • Ich habe ebenfalls einen leichten Eisenmangel. Meine HB-Werte (rote Blutkörperchen) sind normal, nur der Ferritin-Wert war im März unter dem Normwert. Diesen Eisenmangel habe ich schon seit der Chemotherapie. Er könnte auch eine Erklärung für die Müdigkeit sein.
  • Laut zwei Ärzten habe ich einen leichten Sinus Pilonidalis. Das ist eine Steißbeinentzündung, die beim Sitzen Druckschmerz auslöst. Daher benutze ich ein Sitzkissen. Bisher ist sie noch recht klein und wir beobachten das Phänomen noch, weil eine Operation im Moment ein wenig übertrieben wäre. Außerdem könnt ihr euch gerne die Bilder auf Wikipedia anschauen. Mich freut warten 🙂 (Update: Zum Glück hat sich beim nächsten MRT nichts mehr gezeigt. Die Symptomatik hat auch abgenommen.)

Wenn die Nachsorge weiter unauffällig bleibt, kommt am 3. Juni mein Port raus. Das ist ein weiterer körperlicher Abschluss des letzten Jahres.

Mein Fazit

Ein Jahr nach meiner Chemotherapie ist der Krebs besiegt. Ich arbeite wieder und wechsel gerade den Job. Nach außen hin bin ich gesund und wieder im Alltag angekommen. Trotzdem fühlt es sich in mir nicht ganz so an. Mein sowieso schon angeknackstes Grundvertrauen ist erschüttert worden und diese Episode hat viel Kraft gekostet.

Trotzdem bin ich froh, dass die Behandlung überstanden ist und ich noch hier bin. Das möchte ich an dieser Stelle deutlich sagen. Die Nebenwirkungen halten sich in Grenzen und werden hoffentlich nicht gefährlich. Das letzte Jahr hatte auch positive Seiten: Ich habe einiges über mich gelernt. Ich weiß nun immer mehr, welche Probleme ich anpacken muss. Die Krankheit hat den Blick auf mein Leben geschärft.

Ich möchte an dieser Stelle einen Gruß an alle Krebskämpfer und -kämpferinnen aussprechen. Natürlich muss jeder seinen eigenen Weg gehen. Nichtsdestotrotz wird dieser Kampf den Körper und den Geist fordern. Insbesondere wenn die Nebenwirkungen länger bleiben oder die Psyche nicht ganz mitspielt, es geht immer weiter, bis es nicht mehr weitergeht. Dazwischen gibt es genügend Momente zum lachen. Ihr seid nicht allein.

Wie geht es mir 1 Jahr nach meiner Chemotherapie? 2

 

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