Willkommen auf meinem Hodenkrebs Blog.

Ich hoffe das Bild hat Appetit auf mehr gemacht und du begleitest mich ein wenig. Doch vorweg: Dieser Blog handelt leider nicht von leckeren Schalentieren, sondern von bösartigen Tumoren, besser gesagt meinem Hodenkrebs. Wenn du also Hunger hast, ist das gerade nicht der richtige Ort.

Aber nun zum Kernpunkt: Ich heiße Patrick, wohne in Berlin, bin 36 Jahre alt und ich habe Krebs, besser gesagt Hodenkrebs.

Deshalb habe ich mir überlegt, dass ich dich einfach auf meiner Reise zum anderen Ufer… ups ins Krankenhaus mitnehme. Ich möchte eine Art Tagebuch führen und dir näher bringen, was die Krankheit Krebs eigentlich bedeutet. Ich möchte mit dem Blog aus der Perspektive eines Betroffenen über Krebs informieren und gleichzeitig meine Erfahrungen verarbeiten.

Hinweis: Der Blog entsteht zu Beginn meiner PEB-Chemotherapie und wird als ein Tagebuch geführt. Daher werden einige Bereiche erst später fertig oder sind permanenter „work in progress“. Gleichzeitig werde ich Informationen über das Thema Krebs verbreiten. Doch nun zu meiner Geschichte:

Der Anfang: Bauchschmerzen

Ich fragt euch nun sicher, wie man eigentlich herausfindet, dass man Krebs hat? Einfache Antwort: man geht ins Krankenhaus! Aber der Reihe nach. Seit Weihnachten 2017 hatte ich immer wieder ein Drücken im Bauch und eine leichte Verstopfung. Deshalb habe ich meine Ernährung umgestellt, was zunächst auch geholfen hat. Am 08.01.2018 hatte ich das erste Mal leichte Magenkrämpfe und Durchfall. Diese sind zum Glück nach dem Stuhlgang wieder verschwunden. Daher habe ich mir nichts dabei gedacht.

Am nächsten Tag kamen die Magenkrämpfe nach dem Mittagessen wieder. Deshalb wollte ich direkt zu einem Gastroenterologen („Magen-Darm-Arzt“), um das Problem abzuklären. Ich bekam keinen Termin und bin deshalb zur Charité in Berlin Mitte gegangen. Zu meiner großen Erleichterung konnte der freundliche Arzt keine Probleme finden. Das kleine Blutbild (Das Standardverfahren für die Blutentnahme) war okay und auch der Magen hatte sich wieder beruhigt. Wir tippten auf Magenverstimmung durch das Essen. Beruhigt ging ich nach Hause.

Am Mittwoch ging es mir zunächst besser. Allerdings bekam ich gegen Abend hin einen komischen Stechschmerz im Beckenbereich, welcher bei Bewegung zunahm. Ich hatte so etwas vorher in der Intensität noch nie erlebt. Deshalb entschied ich mich am Mittwochabend um 22:00 noch einmal in ein anderes Krankenhaus zu fahren. Hier wurde leider kein Blut abgenommen (großer Fehler!!) und wir gingen von Hämorrhoiden im After aus. Beruhigt habe ich einen Döner gegessen und bin nach Hause gefahren. Leider hat sich der Döner um etwa 4 Uhr nachts gemeldet und kam als Brei wieder raus. Gleichzeitig hatte ich stärkere Bauchschmerzen. Das alles kam mir schon sehr spanisch vor, ich wollte aber um 4 Uhr nicht nochmal ins Krankenhaus. Deshalb habe ich mich zunächst hingelegt und bin tatsächlich wieder eingeschlafen. Gegen 7 Uhr morgens bin ich dann allerdings mit stärkeren Schmerzen aufgewacht und fühlte mich ein wenig schwach. Dies war für mich das finale Signal: Ich bin sofort mit einem Taxi in die Notaufnahme der Charité Mitte gefahren und wollte nun endlich wissen, was in meinem Bauch abgeht. Ich vermutete: Blinddarmentzündung.

Charité Mitte – die Bettenhochburg!

Natürlich musste ich warten, wir sind schließlich in der bekanntesten Klinik Berlins. Leider wurden die Schmerzen im Bauchraum immer stärker, aber auch diffuser. Deshalb durfte ich mich hinlegen. Nach etwa zwei Stunden kam der erste Arzt und mir wurden erst jetzt Blut abgenommen. (Hinweis: lasst eure Blutwerte immer SOFORT kontrolieren, kann wichtig sein!). Nachdem der Arzt die Blutwerte bekommen und meinen Bauch abgetastet hatte, drängte er sofort auf ein Ultraschall. Zum Glück sahen Galle, Leber, Lunge und Niere gut aus. Allerdings wurde schnell klar, dass sich frei bewegliche Flüssigkeit in meinem Bauch tummelte. Noch dachte ich mir nichts dabei. Nach etwa 30 Minuten sollte ich jedoch einen zweiten Ultraschall bei einem Professor machen. Hier kam ich das erste Mal ins Grübeln, normalerweise sieht man Professoren nicht so schnell.

Nach der Untersuchung hat er mir auch als erstes mitgeteilt, dass ich vermutlich innere Blutungen habe. Nur war noch nicht ganz klar woher. Deshalb kamen danach zwei weitere Ärzte, diesmal Urologen, die sich mit einem dritten Ultraschall an meinem Becken zu schaffen machten. Zunächst habe ich mich ein wenig gewundert, weil ich von Bauchproblemen ausging. Die Urologen entdeckten allerdings eine „Raumforderung„. Raumforderung ist medizinerdeutsch für Tumor und soll wohl weniger Besorgnis erregend klingen. Dazu muss ich anmerken, dass ich nur einen Hoden besitze. Ich habe Hodenhochstand, d.h. dass ein Hoden ist vor der Geburt im Bauchraum liegen geblieben. Sichtbar war somit nur ein Hoden. Der liegengebliebene Hoden wird meist als Baby herausoperiert. Bei mir gibt es auch eine Operationsnarbe. Daher sind ich und meine Eltern immer davon ausgegangen, dass dieser auch entfernt wurde.

Fehlanzeige. Ich hatte zu meiner Überraschung noch einen zweiten Hoden. Diese eingewachsenen Hoden werden übrigens deshalb herausoperiert, weil sie eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, Krebs zu entwickeln. Okaaaaaaaay.

Aber zurück zur Situation: Ich hatte bis dahin etwa 10 Ärzte gesehen… Eine Tatsache, die auf keinen Fall ein positives Zeichen war. Mir wurde mitgeteilt, dass die verantwortlichen Oberärzte nun über meinen Fall beraten würden und eine Entscheidung treffen wollten.

Die Operation: Jetzt aber fix

Allerdings war mir die Tragweite der Hodenproblematik zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt und ich hatte andere Sorgen: Die akute innere Blutung in meinem Bauch und eine noch nicht gestillte Wunde. Keine ganz ungefährliche Situation. Deshalb wurde ich von zwei Chirurgen schon einmal mental darauf vorbereitet, dass heute wohl noch eine Operation ansteht.

Gegen 20 Uhr wurde ich auf die Intensivstation verlegt. Die Betreuung war professionell und erstklassig. Es wurde mir aber auch bewusst, dass hier nur schwere Fälle liegen und ich nicht morgen wieder zuhause bin. Zu diesem Zeitpunkt schwappten etwa 1,5 Liter Blut in meinem Bauch herum. Dieser Blutverlust kann zu einem gefährlichen Schock führen, daher auch die Verlegung. Ich musste unterschreiben, dass bei einem weiteren Abfall meiner Blutwerte eine Bluttransfusion eingeleitet wird. Zusätzlich wurde vorher noch eine Angioskopie durchgeführt. Bei diesem Verfahren wird ein Katheter (= ein kleiner Plastikschlauch) in eine Vene gesteckt und man kann durch Kontrastmittel die umliegenden Venen und Arterien durchleuchten. Diese Untersuchung wurde unter örtlicher Betäubung durchgeführt und war schmerzfrei. Die Ärzte wollten nämlich ausschließen, dass ein Arteriengefäss die Ursache der Blutung war. Nach dem kurz Eingriff war klar, dass der blutende Hoden die einzige Option war. Gegen 23:30 wurden daher die sympathischen Metzger (Chirurgen) geholt und ich auf den OP-Tisch befördert. Ich freute mich sogar schon auf die Vollnarkose, weil ich es faszinierend finde, wie schnell der Mensch einschlafen kann.

Die Operation war eine Laparoskopie (= Bauchspiegelung). Bei dieser minimalinvasiven Operationsmethode werden anstatt einem großen Schnitt nur 3 kleine Löcher in den Bauch geschnitten. Ein Loch ist für die Kamera, ein Loch ist für einen Blutabsaugschlauch und durch das letzte Loch wird das Werkzeug gesteckt. Dadurch werden die Muskeln der Bauchdecke geschont und die Heilung ist um einiges unkomplizierter. Den Eingriff selbst habe ich auch recht gut überstanden. Er dauerte etwa 2:30 Stunden und um 3 Uhr nachts bin ich auf der Intensivstation aufgewacht. Die Schmerzen im Bauchraum hielten sich in Grenzen, trotzdem bekam ich vorsorglich Schmerzmittel. Ich versuchte noch ein wenig zu schlafen, was mir auf Grund der Nachwirkungen der Narkose und meiner geringen Blutmenge doch relativ gut gelang. Am nächsten Morgen erkundigten sich die Chirurgen nach meinem Wohlbefinden und mir wurde mitgeteilt, dass ich bei halbwegs stabilen Blutwerten auf die Urologie-Station (12. Stock im Hochhaus) verfrachtet werde.

Gegen Mittag wurde ich auf dann auf die Station gebracht und hatte auch schon ein wenig Hunger. Kein schlechtes Zeichen. Ich wurde auf einem Dreibettzimmer mit sympathischen Nachbarn untergebracht. Wobei der eine Bettnachbar leider Blasenkrebs im Endstadium hatte und der andere auch schon einen Prostatakrebs bezwingen musste. Keine guten Vorzeichen! Am Abend kam dann der Hammer in Form des urologischen Oberarztes der Charité: Prof. Dr. Busch. Kurz angebunden aber klar verständlich sagte er, dass der blutende Hoden wohl bösartig gewesen war. Man müsse zwar noch die histologischen Befunde abwarten (= Analyse des Gewebes), aber ein hodenkrebsspezifischer Marker (Beta-HCG Wert: 62.000) war EXTREM hoch. Außerdem sei mein Fall sehr selten, weil es nicht oft vorkommt, dass Ärzte bösartige, blutende Hodentumore aus dem Bauchraum herausschneiden müssen…

Da lag ich nun. Gerade vor inneren Blutung gerettet und schon in die nächste Scheiße reingestolpert: Diagnose Hodenkrebs

 

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