Lesezeit: 4 Minuten
4.4
(19)

In diesem Beitrag möchte ich ein haariges Thema ansprechen: Haarausfall während der Chemotherapie.

Die Chemoglatze ist ein sehr sichtbares und emotionales Thema. Konkret spreche ich über den Haarausfall bei männlichen Hodenkrebs-Patienten, die eine PEB-Chemotherapie erhalten. Viele Aspekte gelten aber für alle Krebsarten.
Was erwartet euch in dem Beitrag?

Warum fallen die Haare bei einer Chemotherapie aus?

In der Chemotherapie werden Zellgifte verwendet, sogenannte Zytostatika. Sie greifen schnell wachsende Zellen an. Haarwurzelzellen und Hautzellen gehören zu diesen schnell wachsenden Zellen. Die Haare wachsen 3 Millimeter pro Tag und 80% alle Haarwurzelzelle teilen sich permanent.

Die anderen Körperhaare (Augenbrauen, Brusthaare, Schamhaare) wachsen langsamer. Daher fallen diese Haare nur bei sehr intensiven oder langen Chemotherapien komplett aus. Alle Haare wachsen in dieser Phase aber nicht nach oder werden sehr dünn. Wenn ihr euren Bart also abschneidet, bleibt das Kinn leer.

Wie eben erwähnt, kommt es immer auf die Länge und Art der Chemotherapie an. Bei Hodenkrebs wird oft das PEB-Schema verwendet. Hier sind Cisplatin und Bleomycin enthalten. Beide Zytostatika führen zu Haarausfall.

Wann fallen die Haare bei einer PEB-Chemo aus?

In der Regel fallen die Haare am Ende des 1. bzw. am Anfang des 2. Zyklus aus. Das heißt 15 bis 20 Tage nach dem Start der Chemotherapie.

Meine Erfahrung: Bei mir sind die Haare kurz nach dem kompletten 1. Zyklus ausgefallen. Die letzte Zellgiftgabe gibt es am 15. Tag nach Beginn der Chemotherapie. Der Patient erhält zum 3. Mal Bleomycin. In diesem Zeitraum hat bei mir der Haarausfall begonnen. Der Haarausfall hat 2 bis 4 Tage gedauert.

Was passiert genau: Ihr müsst euch vorstellen, dass ihr irgendwann aufwacht und plötzlich sind Haare auf dem Kissen. Außerdem habt ihr Haare in der Hand, wenn ihr euch beim Waschen über den Kopf fahrt. Trotzdem heißt das nicht, dass ihr sofort kahl seid. Es fallen auch nicht alle Haare sofort aus, sondern es bilden sich immer mehr lichte Stellen. Die meisten schneiden in dieser Zeit ihre Haare selbst ab, weil dadurch eine kontrollierte Glatze entsteht. Ich habe meine Haare am 18. Tage auf 3 Millimeter gestutzt. Danach sind die Haare immer weiter ausgefallen.

Die Haare wachsen zwar nicht nach in der Chemo-Phase, trotzdem hatte ich noch vereinzelte, sehr kurze Haare auf dem Kopf.

Zusätzlich wurden meine Wimpern und Augenbrauen im 3. und 4. Zyklus deutlich dünner und mein Bart ist nicht nachgewachsen. Für mich war das sehr praktisch, weil es die Körperpflege im Krankenhaus erleichter hat.

Ist der Haarausfall permanent?

Nein! Die Haare wachsen ist fast allen Fällen wieder nach. Allerdings kann es beim Nachwachsen der Kopfhaare zu einer Veränderung der Haarstruktur kommen. Bei mir haben sich die Haare sehr weich angefühlt, fast wie Babyflaum. Außerdem hatte ich leichte Locken und mehr graue Haare nach der Chemotherapie. Bei Freunden hat sich auch die Haarfarbe geändert.

Die Krebspatienten müssen also nur „ein wenig“ Geduld haben. Natürlich kann diese Geduld faktisch aber Jahre anhalten, wenn eine Frau ihre langen Haare verloren hat. Diese kann durchaus ein emotionales und belastendes Thema sein. Mit zeitlicher Distanz zur Chemotherapie wird dies aber besser, weil sich die meisten an den neuen Look gewöhnen. Problematischer ist oft die Phase der totalen Glatze. Auf die psychologischen Auswirkungen gehe ich weiter unten ein.

Wann wachsen Haare wieder nach (Fotos)?

Diese Frage kann keiner genau beantworten, weil sie von der Stärke der Chemotherapie und den individuellen Faktoren abhängt. Die Haarwurzeln regenerieren relativ schnell.

Bei mir sind nach etwa 3-4 Wochen die Haare nachgewachsen. Nach zwei Monate hatte ich einen Kurzhaarschnitt. Das erste Mal beim Frisur war ich nach 4 Monaten. Da waren die Haare etwa 15-20 Millimeter lang. Es dauert also ein wenig, aber der Zeitraum ist zumindest mit Männern, die vorher kurze Haare hatten, überschaubar.

Ich habe ein paar Bilder während meiner Chemo-Behandlung angehängt. Damit könnt ihr den Zeitverlauf des Haarverlustes verfolgen:

Wann fallen die Haare bei PEB-Chemotherapie aus? Ein Erfahrungsbericht 2

Foto: Meine Haare am 1. Tag der Chemotherapie

Wann fallen die Haare bei PEB-Chemotherapie aus? Ein Erfahrungsbericht 3

Foto: Meine Haare am Ende der Chemotherapie (nach 84. Tag)

Wann fallen die Haare bei PEB-Chemotherapie aus? Ein Erfahrungsbericht 4

Foto: Meine Haare 2 Monate nach dem Ende der Chemotherapie

Exkurs: Haarausfall und die Psyche

Der Haarausfall ist das sichtbarste Zeichen einer Krebsbehandlung. Der Patient schaut in den Spiegel und weiß, sein Körper hat sich verändert, der Körper ist Belastungen ausgesetzt. Diese tägliche eigene Konfrontation mit der Krankheit kann schwierig sein.

Ich selbst habe die Glatze bei mir nicht als sehr negativ wahrgenommen. Durch den Haarausfall musste ich mich ein paar Monate nicht um Bart oder Haarwuchs kümmern. Das ist sehr praktisch im Krankenhaus.

Allerdings fühlte ich mich bei dem Blick in den Spiegel doch von meinem früheren „Ich“ entfremdet und krank. Es ist eben keine ausgesuchte Frisur, sondern eine aufgezwungene Haarpracht. Als die Haare langsam wieder nachgewachsen sind, hat mir diese kurze Frisur sogar gefallen. Heute würde ich aber keine Glatze mehr wollen.

In der Reha habe ich einige Personen getroffen, für die die Glatze und die Haar-Veränderung eine große psychologische Herausforderung dargestellt haben. Es waren vor allem Frauen. Es wirkte so, als ob ihnen die Identität geraubt worden wäre und sie erst ein neues Selbstbewusstsein aufbauen mussten. Haare können ein emotionales Thema sein. Es geht um das eigene Spiegelbild und das eigene Aussehen, während man von der Krankheit gezeichnet ist.

Hat dir der Artikel gefallen?

Klicke auf die Daumen, um den Artikel zu bewerten

Durchschnittliche Bewertung 4.4 / 5. Anzahl der Bewertungen 19

Weitere Beiträge über Hodenkrebs