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Heute ist Mittwoch der 14.03.2018 und ich bin seit Montag wieder Zuhause. So langsam setzt der Chemoblues ein. Ich habe nach dem 2. Zyklus gemerkt, dass mein Körper die Zytostatika (= Heilmittel/Gift der Chemo) nur noch langsamer abbaut. Dadurch kommt es bei mir zu leichter Übelkeit, Verstopfung, Halsschmerzen oder Geschmacksveränderungen. Bestimmte Getränke (z.b. klares Wasser) oder Gemüsesorten schmecken anders und gerade nach der Chemo hatte ich einen Bleigeschmack im Mund. Auf dem Heimweg ekelte mir sogar vor meinem eigenem Speichel und gewisse Chemogaben bewirken Geschmäcker die bei mir Würgereiz auslösen. Während so einer Chemo entstehen bizarre Erfahrungen. Trotzdem will ich nicht meckern, weil sich die echten Nebenwirkungen noch völlig in Grenzen halten, bzw. keine der gefährlichen Nebenwirkungen aufgetreten sind. Immerhin konnte ich gestern meinen ersten Spaziergang machen, auch wenn ich nur 20 Minuten durchgehalten habe und war danach fertig war. Die Leistung wird sich in den nächsten Tagen aber hoffentlich steigern und die Müdigkeit und Schwäche werden abnehmen (bis zum nächsten Zyklus). Ich werde mich Zuhause regenerieren, um die nächsten Schritte in Angriff zu nehmen.

Doch will ich noch einige Worte zu meinem 2. Zyklus im Krankenhaus Benjamin Franklin verlieren, insbesondere dem Ort: der Onkologie (= Krebsstation). Meine letzten stationären Besuche waren in der Charité Mitte bei den Urologen. Dabei müsst ihr wissen, dass Krebsfälle auf der Urologiestation die Regel sind. Diese sind dann aber meist in einem sehr frühen Stadium. Zudem sind viele der urologischen Krebse (Prostata, Hoden) relativ gut behandelbar.

Auf einer Onkologiestation liegen hingegen alle Arten von Krebsfällen und sie erhalten oft schon eine Chemo. Daher trifft man Menschen in unterschiedlichen Zuständen samt ihren persönlichen Geschichten. Mein Nachbar war sehr freundlich und wir hatten das Glück, 5 Tage lang das Zimmer zu teilen. Er selbst kämpft schon seit 5-6 Jahren mit Krebs und schafft es hoffentlich (als er seinen 3. Zyklus machte, wurde seine Frau ebenfalls mit einer Krebsneudiagnose konfrontiert…). Er ist trotz alledem ein sehr positiver Charakter und hat mich inspiriert, die Hoffnung nicht aufzugeben. Am Sonntag musste ich allerdings umziehen und kam in ein Drei-Bett-Zimmer mit zwei älteren Herrn. Einer von ihnen hat durch Krebs ein Auge verloren und erfährt nun wie es weiter geht, während der andere ohne Magen mit Knochenkrebs kämpft. Beide waren nicht im Endstadium, aber es ist für jeden eine Belastung mit anderen in einem Zimmer zu liegen, wenn auch Nachts dauernd etwas passiert (meine Chemo ging bis um 12 Uhr nachts). Die Privatsphäre verschwindet und man wird gleichzeitig auf sich reduziert. Ich lag einfach da und habe die Stunden gezählt bis die Nacht vorbei geht. Ob ich richtig geschlafen habe, kann ich gar nicht sagen. Am Tag der Entlassung (Montag) kam es dann zu einigen Verzögerungen, die entstanden waren, weil zwei Patienten auf der Station Komplikationen bekamen. Der eine Krebspatient wurde mit Darmblutungen und einer starken Grippe eingeliefert, während der andere Patient auf die Intensivstation musste (ich weiß leider nicht warum, aber sowas hat immer schwerwiegende Gründe).

Die 6 Tage auf der Onkologie machten mir sehr schnell klar, dass das keine normale Krankenhausabteilung ist. Die ganze Atmosphäre drückt auf das Gemüt und ich habe mich gefragt, was ich mit 36 eigentlich hier mache. Ich hatte auch Angst, dass ich vielleicht im 3. Zyklus noch schwächer werde und wie lange ich sowas dann durchstehe, vor allem wenn es zu einer Hochdosis kommen sollte. Ich habe Leute getroffen, die ihre Chemo abgebrochen haben, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Man stellt sich unweigerlich die Frage: wie viel nimmt man für sich in Kauf. Jede Schattenseite hat aber auch Licht: Die Ärzte und die Krankenschwestern sind nach wie vor die echten Helden für mich. Ihre Leistung auf so einer Station ist auch ohne Notfälle schon überragend, weil es in der Regel immer einen hohen Krankenstand unter den Angestellten gibt. Ich muss sagen, dass das Krankenhauspersonal meinen höchsten Respekt verdient hat.

 

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