Schon eine ganze Weile denke ich über diesen Beitrag nach und habe ihn immer wieder rausgezögert. Der wiederkehrende Leser findet sich aber schnell zurecht, weil die Thematik in meinen anderen Artikeln oft durchscheint. Es geht um den mentalen Kampf und die persönliche Aneignung der Krebstherapie mit Hilfe von Popkultur und Comics. Für mich sind Comics nicht nur schnöde Ablenkung, sie können die Wahrnehmung verändern.

Vorweg muss gesagt werden, dass der Umgang mit einer Krebstherapie sehr unterschiedlich sein kann. Es gibt bekanntlich viele Wege die zur Toilette führen. Jeder Krebspatient ist ein Individuum, das sich selbst am besten kennt und jeder Stuhlgang ist anders. Daher bewerte ich nichts. Ich berichte lediglich über meine eigene Verarbeitung. Ich weiß aber, dass sie auch anderen geholfen hat.

Der mentale Kampf während der Krebstherapie

Als Einführung gehe ich kurz auf die Voraussetzungen ein: Eine Krebstherapie ist oftmals langwierig. Sie kann mehrere Monate oder sogar Jahre dauern. Darüber hinaus zehren RLA Operationen, Chemotherapie und Bestrahlung am Körper. Dieser wird schwach, müde und verursacht Schmerzen. Ich habe mich damals wie ein 70-Jähriger gefühlt. Diese Erfahrungen sind anstrengend und verlangen einem viel Geduld ab. Geduld, die andere oft einfordern, die aber nicht leicht aufzubringen ist.

Stell dir einfach vor, du liegst im Krankenhausbett und dein Bauch wurde aufgeschnitten. Du bekommst Besuch und die Leute wollen dich aufheitern. Aber sogar das Lachen schmerzt. Sie werden um 20 Uhr gehen, aber du wirst die Nacht neben einem Schnarcher verbringen, während sie im eigenen Bett schlafen. Am nächsten Tag kommen die Freunde wieder und sagen: „Du musst einfach nur ein bisschen Geduld haben“. Das ist nett von ihnen und richtig. Aber wenn dir das viermal passiert, denkst du dir irgendwann nur noch: „Labert bitte nicht irgendwas von Geduld. Was soll der ganze Scheiß eigentlich“. Das ist nicht böse gemeint.

Es zeigt einfach nur, dass eine Krebstherapie eine mentale Anstrengung ist: gegen die Langweile, gegen die Veränderung deines Körpers, gegen die Schmerzen und vor allem gegen die Angst vor dem Ungewissen. Nicht jeder fasst diese Anstrengung als Kampf auf. Jeder hat seinen Weg diese Erfahrungen zu deuten bzw. damit umzugehen. Mir hat die Metapher des Kampfes gegen die Verräterzellen jedoch geholfen, die Behandlungen auch mental durchzustehen. Die Verräterzellen wollten mich töten. Das konnte und wollte ich nicht zulassen. Deshalb habe ich eine Chemo gemacht und mental aufgerüstet.

Wie? Ich bin geistig in das Reich der Popkultur und Comics gereist. Ich habe dort Wonder-Moms getroffen und krasse Chemo-Warrior. Zusammen mit ihnen lag ich lange alleine im Krankenhaus wach. Zusammen mit ihnen habe ich gekämpft. Genauso wie mit meiner Familie und Freunden. Ich bin übrigens deshalb gerne in die Popkultur ausgewichen, weil Lesen von Büchern während der Chemo nicht geklappt hat. Das Gehirn funktioniert langsamer. Popkultur hat einen einfacheren und klareren Zugang. Nun möchte ich von zwei Beispielen erzählen:

Chemokrieger und Warhammer 40k

Ich habe mich selbst nie als eine sehr starke Person gesehen. Daher war mir das Bild des Kriegers eher fremd. Was ich aber immer mochte, waren Comics und Ironie. Als nun im Februar die Chemotherapie anstand und ich viel Zeit im Krankenhausbett verbringen musste, wollte ich diese Zeit der Schwäche und Untätigkeit wenigstens ein bisschen selbst gestalten. Daher habe ich diesen Blog erschaffen. In den Beiträgen und meinem Facebook Account habe ich ganz bewusst Bilder ausgewählt, die im Zusammenhang mit Gift/Chemie stehen. Ein Beispiel war Bane von Batman. Er bekommt durch einen Giftcocktail übermenschliche Kräfte.

Der mentale Kampf: Was haben Wonder Woman und Warhammer mit Krebs zu tun? 2

Bane

Mich habe auch die Plague Marines aus Warhammer 40k inspiriert. Diese gehen einen Pakt mit einem Erzdämonen ein. Dadurch werden ihre Körper von Gift befallen und sie leiden. Dafür werden sie unsterblich. Eine bizarre Vorstellung für einen Kranken.

Der mentale Kampf: Was haben Wonder Woman und Warhammer mit Krebs zu tun? 3

Plague Marines aus Warhammer 40k

Gleichzeitig habe ich angefangen im Krankenhausbett Metal von Powerwolf oder über Warhammer 40k zu hören. Ich fand den Gedanken witzig, dass ich geschwächt rumliege und dabei epischen Liedern über Kampf und Verrat lausche. Ich kam mir dadurch stärker vor und konnte mich ablenken. Ich lag da, schaute an die Decke und lauschte heroischer Metalmusik, während die Chemo die Verräterzellen bekämpfte.

Nach der Erfahrung der Chemotherapie und meiner zweiten Bauchoperation fühle ich mich manchmal wie ein Veteran. Ich habe einen außergewöhnlichen Kampf gegen einen unsichtbaren Feind gewonnen, vor dem ich nach wie vor auf der Hut bin. Die nächste Herausforderung ist, wieder ganz im Alltag anzukommen und diesen Kampf hinter sich zu lassen. Ich weiß nicht, ob ich geistig schon so weit bin, da mich der Krebs  sowohl bei mir, als auch bei anderen noch zu stark beschäftigt. Aber irgendwann muss ich die Veränderung akzeptieren.

Ihr merkt, ich rede viel in Metaphern. Aber diese Deutung hilft mir das Erlebte zu verarbeiten. Ich will selbst auswählen, wie ich mit der Herausforderung umgehe und ich meine Welt sehe.

Wonder Woman – Stronger than you think!

Der mentale Kampf: Was haben Wonder Woman und Warhammer mit Krebs zu tun? 4

T.D. – eine starke Frau

Eine gute Freundin hat in ihrem (leider anhaltenden) Kampf gegen die Verräterzellen ebenfalls in die Trickkiste gegriffen und sich Hilfe aus dem Reich der Superhelden geholt. Sie benutzt das Bild von Wonder Woman als Personifizierung einer starken Frau in ihrem Profil. Gerade in Phasen der akuten Behandlung (Operation, Chemo, Bestrahlung) verwendet sie immer wieder kämpferische Comics oder Slogans („Nur Prinzesschen richten ihr Krönchen. Königinnen ziehen ihr Schwert“). Sie macht damit klar, dass Aufgeben keine Option ist und für wen sie kämpft (für ihre Familie und ihre eigenen Träume).

Bilder von Wonder Woman können den Krebs nicht besiegen und die Nebenwirkungen auch nicht abschwächen. Sie erschaffen aber eine andere Selbstwahrnehmung der Situation. Sie können für Minuten den mentalen Kampf positiv beeinflussen und das Kopfkino wenigstens ein wenig stoppen. Das klingt wenig. Es ist aber viel, wenn man weiß, wie viele Bedenken vor einer Gehirnoperation im Kopf herumschwirren.

Mich haben diese Postings und Bilder immer beeindruckt, weil sie ihre Scheißsituation aktiv beeinflusst und sich dadurch gestärkt hat. Außerdem sind solche Bilder ein Zeichen für Familie und Freunde, dass ein eiserner Wille vorhanden ist, niemals aufzugeben. Keep Kicking Cancers Ass T.!

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Wonder Woman gegen den Krebs

 

Update: Zeichnen – selbst aktiv werden

Comics sind natürlich nicht die einzige Quelle, um sich selbst auszudrücken. Eine nette Bekannte aus der Reha (Danke L.) hat mir gezeigt, wie sie ihre Erfahrungen verarbeitet hat. Sie wurde selbst aktiv und hat gezeichnet. Ihr hat das Zeichnen während der langwierigen Therapie geholfen, den Fokus zu bewahren und die Angst nicht übermächtig werden zu lassen. Außerdem hat sie auch für ihre Bettnachbarin gezeichnet und diese mit tollen Bildern erfreut und eine längerfristige Freundschaft aufrecht erhalten. Ich möchte das deshalb erwähnen, weil es zeigt, welche verschiedene Themen die Patienten wählen. Sie hat mir dankenswerterweise zwei Motive zur Verfügung gestellt.

In dem ersten Bild findet sich auch wieder eine kämpferische Pose, die allerdings verspielter ist als meine Space Marines. Mir gefällt die Liebe zum Detail und das zertretene Schalentier.

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Superformula – ein weiteres Beispiel

Als letztes Beispiel möchte ich noch die Kooperation von DC und einem Krankenhaus in Brasilien ansprechen. Sie haben das Projekt „Superformula“ entwickelt, um die Chemotherapie besser für Kinder verständlich zu machen und ihnen die Angst zu nehmen. Auch wenn die Behandlung sich nicht ändert, wird doch die Situation und die Wahrnehmung gewandelt. Jeder der schon einmal die braunen Beutel einer Chemo gesehen hat, wird sich über diese Veränderung freuen.

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